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„Jenaer Erklärung“ der Deutschen Zoologischen Gesellschaft (DZG) 2019

Erklärung zur „Jenaer Erklärung“ der Deutschen Zoologischen Gesellschaft (DZG) 2019:

Kunz, W. (2020): Rasse und Rassismus. In: Novo Argumente für den Fortschritt 20.02.2020, S. 1–6.

Kunz, W. (2021): Immer wieder missverstanden - Die Unterteilung von Arten in Rassen. In: Biologie in unserer Zeit 51 (2), im Druck.

Reydon, T. A. C.; Kunz, W. (2021): Classification below the species level: When are infraspecific groups biologically meaningful? In: Biological Journal of the Linnean Society 128, 1-15.

Im September 2019 wurde auf der 112. Jahrestagung der Deutschen Zoologischen Gesellschaft in Jena die „Jenaer Erklärung“ veröffentlicht. Diese dogmatisch in der Öffentlichkeit verbreitete Erklärung behauptet, es gäbe beim Menschen keine Rassen und berücksichtigt dabei nicht, dass der Begriff „Rasse“ seit jeher in der Wissenschaftstheorie verschieden definiert wird. Stattdessen wir nur einer von mehreren Rassebegriffen herausgegriffen (die genetische Distanz), und die anderen Rassebegriffe (siehe die Seite „Was ist eine Art und was ist eine Rasse?“ auf dieser Webseite) werden ignoriert.

Die Tatsache, dass die Wissenschaft mit mehreren Rassebegriffen arbeitet, rechtfertigt es nicht zu sagen: „Die Wissenschaft hat bewiesen, dass es beim Menschen keine Rassen gibt“ (so wurde die Jenaer Botschaft von Presse und Öffentlichkeit aufgenommen). Das müsste dann schon für alle Rassebegriffe nachgewiesen werden. Aber auch wenn man die Rasse nur als eine Gruppe von Organismen versteht, die von einer anderen Gruppe durch eine „gewisse“ genetische Distanz getrennt sind, handelt es sich um Rassen, die dann halt nur durch eine sehr geringe Distanz voneinander getrennt sind. Aber die „Jenaer Erklärung“ sagt nicht, dass die Distanz zwischen Menschenrassen sehr gering ist, sondern sie sagt, dass es Menschenrassen nicht gibt.

Die „Jenaer Erklärung“ behauptet schon im Titel, dass das Konzept der Rasse (beim Menschen) das „Ergebnis von Rassismus“ sei. Damit werden die Wissenschaftler, die weiter am Konzept der Rasse festhalten, ins Lager der Rassisten gerückt, ebenso wie einer der renommiertesten deutschen Evolutionsforscher: Ernst Haeckel. Der Begriff „Rasse“ ist ein biologischer Fachbegriff, die Bezeichnung „Rassist“ dagegen ein ethischer und soziologischer Begriff. Die beiden Ausdrücke liegen nicht auf ein und derselben Ebene. Ein „Rassist“ ist nicht derjenige, der mit Rassen arbeitet, sondern ein Mensch, der die Angehörigen anderer Rassen für minderwertig hält. Wer sich wissenschaftlich mit Rassen beschäftigt, ist kein Rassist. Insofern vermischt der Titel der Publikation der „Jenaer Erklärung“ Dinge miteinander, die nicht auf derselben Plattform liegen. Der Titel vermischt wissenschaftliche Erkenntnis mit ethischer Gesinnung.

 

Die genetische Basis der angeblich nicht vorhandenen Rassenunterschiede:

Die Schlussfolgerung, dass es beim Menschen keine Rassen gäbe, geht zurück auf den amerikanischen Populationsgenetiker Lewontin, der die Unterscheidung von Rassen nach phänotypischen Merkmalen abgelehnt hat, weil diese Merkmale subjektiv vom Menschen ausgewählt seien. Das stimmt jedoch nicht, weil die für Rassenunterscheidungen relevanten Merkmale geografische Anpassungen sind. Lewontin berief sich stattdessen darauf, dass Angehörige verschiedener Rassen genetisch fast gleich seien, weil die Allelvarianz-Unterschiede zwischen zwei individuell ausgewählten Angehörigen einer Rasse größer sein können als zwischen zwei Angehörigen verschiedener Rassen, so dass einzeln herausgegriffene Individuen den Rassen nicht zugeordnet werden könnten.

Aber hier liegt ein weiterer Fehler von Lewontin vor, der nachträglich mehrfach von Statistikern und Philosophen korrigiert wurde. Lewontin hat die Individuen verschiedener Rassen jeweils nur in Einzelmerkmalen verglichen. Das darf man in der Taxonomie nie machen. Taxonomische Gruppenverschiedenheit beruht nicht auf Einzelmerkmalen. Erst die Kombination mehrere Merkmale macht es. Die Philosophie nennt das „Familienähnlichkeit“ (nach Wittgenstein). Nach Einzelmerkmalen (essentiellen Merkmalen) kann eine Gruppenzuordnung von Organismen in der Taxonomie nicht gemacht werden.

Es kommt also auf die Kombination mehrerer Merkmale in den Individuen an, wenn man Rassenunterschiede definiert und Organismen den Rassen zuordnet. Und wichtig ist, dass die Zahl dieser Merkmale, die Rassen unterscheiden, bei vielen Arten außerordentlich gering ist, weil es ja im Wesentlichen nur die wenigen geografischen Anpassungen sind. Würde man allein daran festhalten, dass Gruppenverschiedenheit auf dem höheren Ausmaß der allelen Inter-Gruppen-Varianz im Vergleich zur Intra-Gruppen-Varianz beruht, dann könnte man auch die Existenz von Geschlechtern abstreiten; denn auch die Allelvarianz-Unterschiede zwischen zwei individuell ausgewählten Frauen (bzw. Männern) können größer sein als zwischen einer Frau und einem Mann. Auch Frauen und Männer sind „genetisch betrachtet fast gleich“, und trotzdem ist eine Zuordnung einzelner Organismen zu den Geschlechtern möglich.

Da der Begriff der Rasse ein elementarer wissenschaftlicher Begriff der Zoologie ist (worüber in der zoologischen Systematik auch heute noch in tausenden von Publikationen gearbeitet wird), hätte die „Jenaer Erklärung“ (mit der Absicht, den Rassebegriff abzuschaffen) die zoologischen Systematiker mit ins Boot zu nehmen müssen, anstatt im Alleingang bei einer einzigen Spezies (Homo sapiens) die Rassen abzuschaffen. Zumindest die zoologische Praxis wäre ernsthaft betroffen. Es klingt recht paradox, dass die „Jenaer Erklärung“ ausgerechnet von der Deutschen Gesellschaft für Zoologie verabschiedet wurde.

Anstatt dass die „Jenaer Erklärung“ ihre Chance genutzt hätte, vonseiten der Zoologie die Bevölkerung darüber aufzuklären, wie eine Rasse in der Wissenschaft definiert ist (wo doch der Begriff der Rasse so stark missverstanden und missbraucht wird), wird in der „Jenaer Erklärung“ die Rasse einfach abgeschafft. Mit dieser Botschaft werden die Rassisten nicht erreicht, die eigentlich hätten erreicht werden sollen.

Verantwortlichkeit: