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Was ist eine Art und was ist eine Rasse?

Allgemeine Bemerkung zum Begriff der "Klasse":

Arten wurden von Aristoteles bis Linné für feste Einheiten gehalten. Feste Einheiten sind Klassen, so wie die chemischen Elemente, die in der Natur so vorliegen, wie sie erschaffen wurden. Klassen bedeutet auch "natural kinds“. „Natural kinds“ sind durch mindestens ein essentielles Merkmal definiert. Jedes Mitglied einer „natural kind“ muss dieses Merkmal besitzen. Ein Klassen-Mitglied, das dieses Merkmal verliert, kann nicht mehr zu dieser Klasse gehören. Ein Beispiel für "natural kinds" sind die chemischen Elemente. So ist z. B. Platin durch die Protonenzahl 78 definiert. Verliert Platin ein Proton, dann ist es kein Platin mehr.

Seit Darwin weiß man, dass Arten evolvieren. Also können Arten keine Klassen sein, keine "natural kinds". Dies würde der Evolutionstheorie widersprechen. Das unterscheidet die chemischen Elemente grundsätzlich von den biologischen Arten. Ein adultes Rotkehlchen besitzt eine rote Kehle. Dieses Merkmal ist jedoch nicht essentiell, denn wenn ein Rotkehlchen die rote Kehle durch eine Mutation verliert, dann gehört dieses mutierte Individuum immer noch zur Gruppe der Rotkehlchen.

Da Arten keine "natural kinds" sind, wird daraus oft der Schluss gezogen, dass es Arten in der Natur überhaupt nicht gibt, sondern dass das, was wir für Arten halten, nichts weiter als unsere eigenen Konzeptbildungen seien, weil wir das Bedürfnis haben, die Biodiversität zu ordnen und zu klassifizieren. Würde man dieser Auffassung zustimmen, dann stellt das sowohl den Artenschutz (die Roten Listen) als auch die Artbestimmung (was ist das, was in den Bestimmungsbüchern steht?) vor ein nicht unerhebliches Problem. Was wollen wir eigentlich schützen und was identifizieren wir eigentlich, wenn wir eine Artbestimmung machen?

„Natural kinds“ sind universal, d. h. sie sind (in unserem gegenwärtigen Weltall) weder an eine Zeit noch an einen Raum gebunden. Arten und Rassen existieren dagegen einmalig zu bestimmten Zeiten an bestimmten Orten. Der amerikanische Zoologe und Philosoph Ghiselin hat daraus geschlossen, dass Arten „Individuen“ sind; denn Individuen sind dadurch definiert, dass sie einmal entstanden sind und einmal wieder aussterben werden. Da Arten also veränderliche Individuen sind, steht der praktizierende Taxonom vor dem Problem, was an den veränderlichen Organismen er denn eigentlich festhalten und klassifizieren soll. Dieses Dilemma nennt man „das Artproblem“, das bis heute nicht gelöst ist.

Es ist erstaunlich, dass die praktizierende Taxonomie dieses Problem heute weitgehend ignoriert. Dazu gibt es eine bezeichnende Kritik:

„Taxonomy as a discipline is often surprisingly ignorant of theoretical issues behind species definitions and the process of speciation” (S. 122 in: Misof, B.; Klütsch, C. F. C.; Niehuis, O.; Patt, A. (2005): Of phenotypes and genotypes: Two sides of one coin in taxonomy? In: Bonner Zoologische Beiträge 53, S. 121–133).

Und der amerikanische Bio-Philosoph David Hull (1935 – 2010) hat 1970 gewarnt:

„We must resist at all costs the tendency to superimpose a false simplicity on the exterior of science to hide incompletely formulated theoretical foundations” (zitiert in: Mishler, B. D.; Donoghue, M. J. (1994): Species concepts: a case for pluralism. In: E. Sober (Hg.): Conceptual issues in evolutionary biology. Cambridge /Mass.: Mass.Inst.of Technology, S. 217–232).

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Was ist eine Art?:

Reydon, T. A. C.; Kunz, W. (2019): Species as natural entities, instrumental units and ranked taxa: new perspectives on the grouping and ranking problems. In: Biological Journal of the Linnean Society 126, S. 623–636:

Was man empirisch feststellt, ist dass die Organismen in ihren Eigenschaften nicht gleichmäßig verteilt sind. Die Biodiversität ist kein Kontinuum. Die Organismen werden durch ihre Eigenschaften zu Gruppen zusammengehalten bzw. getrennt. Das sind Arten. Jedoch gibt es unterschiedliche Eigenschaften, die die Organismen zu Gruppen zusammenhalten: das können Merkmalsgemeinsamkeiten sein, es kann die wechselseitige Fruchtbarkeit sein, oder es kann die Verwandtschaftsnähe sein. Weil es verschiedene Typen von Gruppen gibt, gibt es auch verschiedene Typen von Arten. Art nicht gleich Art. Wenn man also von Arten spricht, dann muss man entscheiden, ob man Merkmalsgemeinsamkeitsgruppen meint, ob man Fruchtbarkeitsgruppen meint oder ob man Verwandtschaftsgruppen meint. Solche (und weitere) Gruppen gibt es in der Natur.

Die wichtigsten der verschiedenen Art-Typen sind:

(1) die phylogenetische Linie mit wichtigen Merkmals-Neuerungen (Phylo-Spezies, die nur diachron entlang der Zeitachse [historisch] zu definieren ist),

(2) die Reproduktionsgemeinschaft (Repro-Spezies, die nur synchron [Beziehungen unter den gegenwärtig existierenden Organismen] zu definieren ist) und 

(3) die Klade im Sinne Hennigs (Klado-Spezies, die auch nur diachron zu definieren ist: ein Bündel monophyletischer Zweige, die von „Nachbar-Bündeln“ durch Apomorphien und reproduktive Schranken getrennt sind).

Diese Art-Typen sind nicht etwa verschiedene Betrachtungsweisen ein und desselben „Dings“, sondern es sind ontologisch unterschiedliche Gruppen in der Natur, die sich allerdings oft weitgehend überschneiden. Das bedeutet in vielen Fällen, dass wenn zwei Individuen der gleichen Repro-Spezies angehören, dann gehören sie auch zur gleichen Phylo-Spezies. Aber das muss nicht so sein: Es gibt auch Fälle, wo zwei Individuen der gleichen Repro-Spezies angehören, aber verschiedenen Phylo-Spezies.

Selbstverständlich kann die praktizierende Taxonomie nicht mit einer solchen Gruppenvielfalt leben. Man brauchte für jede Organismengruppe (Vögel, Schmetterlinge usw.) mehrere Bestimmungsbücher. Daher arbeitet die Praxis entweder mit nur einem einzigen Typ von Art (z.B. hat Ernst Mayr nur die Repro-Spezies anerkannt), oder es werden mehrere Eigenschaften des Zusammenhalts der Organismen zu einer künstlichen Einheit integriert, wobei subjektiv entschieden wird, welche der Zusammenhaltseigenschaften letztendlich für die Artabgrenzung entscheidet. Das ist die „integrative Art“. Integrative Arten sind naturnahe Kunstprodukte.

Damit lebt die Taxonomie also mit einer Unvereinbarkeit der Art als ein theoretisch konsequenter Begriff und der Art als ein instrumentaler Begriff für die praktische Anwendung. Dazu sagt der amerikanische Bio-Philosoph David Hull:

„The more theoretically significant a concept [of species] is, the more difficult it is to apply” (Hull, D. L. (1997): The ideal species concept - and why we cant get it. In: M. F. Claridge, H. A. Dawah und M.R. Wilson (Hg.): Species: the units of biodiversity, Bd. 1. London: Chapman & Hall, S. 357–380).

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Was ist eine Rasse?:

Reydon, T. A. C.; Kunz, W. (2021): Classification below the species level: When are infraspecific groups biologically meaningful? In: Biological Journal of the Linnean Society 128.

Kunz, W. (2021): Immer wieder missverstanden - Die Unterteilung von Arten in Rassen. In: Biologie in unserer Zeit 51 (2), im Druck.

Das Thema Rasse wir aus ideologischen und sozialen Bedürfnissen in ein verfälschtes Licht gerückt. Aber anstatt aufzuklären, was eine Rasse ist, wird versucht, die Existenz von Rassen abzustreiten. Doch die Zoologie teilt fast alle Arten in Rassen ein. Allein bei den Vögeln gibt es Rassen in höherer 6stelliger Zahl. Nur evolutionär ganz neu entstandene Arten und auf kleinen Raum beschränkte endemischen Arten haben keine Rassen. Alle weltweit verbreiteten Arten lassen sich in Rassen untergliedern.

Die Grundbegriffe dessen, was eine Rasse ist, wurden im vorigen Jahrhundert durch den Zoologen Rensch, den Genetiker Dobzhansky und den Taxonomen Mayr festgelegt. Rassen sind grundsätzlich Unterteilungen der Arten. Wenn eine neue Rasse entdeckt wird, dann ist die Art schon bekannt. Also ist zu prüfen, welche der drei Art-Typen in Rassen untergliedert werden kann.

Rassen sind grundsätzlich durch evolutionär signifikante (meist adaptive) Merkmale voneinander unterschieden.

(1) Da die Phylo-Spezies eine durch evolutionär signifikante Merkmale definierte stammesgeschichtliche Linie ist, kann sie nicht mehr weiter sinnvoll unterteilt werden.

(2) Die Reproduktionsgemeinschaft (Repro-Spezies) kann dagegen unterteilt werden, wenn sie beginnende eigenständige Linien mit evolutionär wichtigen (meist adaptiven) Merkmalen enthält (beim Menschen z.B. die Hautfarbe).

(3) Auch die Klado-Spezies (die durch Monophylie und Apomorphien definiert ist) kann in Rassen unterteilt werden. Damit gibt es also zwei Sorten von Rassen: die synchrone Untergruppe der Repro-Spezies und die diachrone Untergruppe der Klado-Spezies.

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