Elf Einwände gegen die „Jenaer Erklärung“ der Deutschen Zoologischen Gesellschaft (DZG) 2019:

(Werner Kunz, Juli 2020)

Am 24.09.2019 wurde von zwei Zoologischen Instituten (Jena und Rostock) und vom Max-Planck-Institut für Menschheitsgeschichte in Jena die gemeinsame „Jenaer Erklärung“ anlässlich der 112. Jahrestagung der Deutschen Zoologischen Gesellschaft in Jena veröffentlicht. Ein gleichlautender Artikel erschien kurz darauf im Dezemberheft 2019 in der Zeitschrift „Biologie in unserer Zeit“. Diese Erklärung bestreitet die Existenz von Rassen beim Menschen und bezeichnet das Konzept der Rasse als ein Ergebnis von Rassismus.

Hier wird das weit zurückreichende (von der Zoologie lange ignorierte) philosophische Problem der Taxonabgrenzung auf einmal von Biologen aufgegriffen und in einem recht einseitigen Verständnis auf die Taxonomie angewendet. Im Einzelnen werden in der Jenaer Erklärung folgende Begründungen gegen die Existenz von Rassen vorgebracht, dem hier einige Einwände entgegengehalten werden:

 

1.) Menschenrassen werden als „reines Konstrukt“ des menschlichen Geistes bezeichnet, weil es u.a. kein einziges Merkmal (bzw. Basenpaar im Genom) gibt, das alle Menschen eines Kontinents von allen eines anderen unterscheidet.

Hierzu ist zu bemerken, dass dies auch für das Taxon „Art“ gilt. Es handelt sich hier also nicht nur um eine Infragestellung des Begriffs der Rasse, sondern der gesamten zoologischen Taxonomie. Hier wird die Erwartung vorausgesetzt, dass Rassen durch essentielle Merkmale definierbar sein müssten (wie die Elemente in der Chemie). Die Philosophie aber definiert Rassen (wie auch Arten) seit langem nicht mehr als „natural kinds“ (wie die Elemente in der Chemie). Biologische Taxa werden anders definiert (z.B. als Individuen oder als semiobjektive Gruppen; siehe Reydon und Kunz: Species as natural entities, instrumental units and ranked taxa: new perspectives on the grouping and ranking problems, Biological Journal of the Linnean Society 126, 2019, 623-636).

 

2.) Rassen werden (beim Menschen) als nicht-existent bezeichnet.

Das ist schon deswegen nicht möglich, weil der Begriff Rasse (genau wie auch der Begriff „Art“) von Definitionen abhängt (Merkmalsgemeinschaft, Reproduktionsgemeinschaft, Abstammungsgemeinschaft) (Kunz: Do species exist? - Principles of taxonomic classification, Wiley-VCH 2012). Allein deswegen ist die Bezeichnung „nicht-existent“ nicht anwendbar, weil die Frage, ob etwas existiert oder nicht, für jede Definition getrennt gestellt werden muss.

 

3.) Es wird behauptet, dass taxonomische Unterschiedlichkeit heute überwiegend als genetische Distanz verstanden wird.

Biologische Taxa (Rasse wie auch die Arten) als Verwandtschaftsgemeinschaften (genetische Distanz) zu sehen, ist nur eine von mehreren Sichtweisen. Es gibt durchaus begründete Kritiken an der Sichtweise, die genetische Distanz als Artkriterium zu benutzen, schon deswegen, weil alle Arten miteinander verwandt sind. Es gibt nicht „verwandte Arten“ und „nicht-verwandte Arten“. Welche quantitative Distanz dann die Taxongrenze ist, ist eine rein subjektive Ermessenssache (Reydon und Kunz: Species as natural entities, instrumental units and ranked taxa: new perspectives on the grouping and ranking problems, Biological Journal of the Linnean Society 126, 2019, 623-636). Taxonomie ist Gruppenbildung, nicht Stammbaum.

 

4.) Es wird geltend gemacht, dass die Unterschiede zwischen den „angeblichen“ Menschenrassen sehr gering seien.

Geringfügigkeit ist kein Kriterium, das Existenzen von Nicht-Existenzen unterscheidet. Wenn sich zwei Dinge stark voneinander unterscheiden, dann sind es zwei stark voneinander verschiedene Dinge. Wenn sich zwei Dinge wenig voneinander unterscheiden, dann sind es zwei wenig voneinander verschiedene Dinge. Aber es sind dann immer noch zwei verschiedene Dinge.

 

5.) Es wird behauptet, dass die Auswahl der Merkmale, nach denen Rassen eingeteilt werden, willkürlich sei.

Das ist nicht richtig; denn die Zoologie teilt Rassen nach ihrem geografischen Vorkommensareal bzw. ihrer geografischen Herkunft ein. Zur Rasse-Definition werden nur objektiv vorhandene (nicht-konvergente) Merkmale verwendet, die die geografische Heimat anzeigen. Das ist keine willkürliche Wahl.

 

6.) Die Nicht-Existenz von Rassen beim Menschen wird auch damit begründet, dass die genetische Diversität der Individuen (Allel-Verteilung) schon innerhalb der Rassen sehr groß sei, so dass die Diversität der Individuen zwischen verschiedenen Rassen kaum größer sei.

Das ist richtig, aber das ursprüngliche zoologische Rassekonzept beruft sich nicht auf das Ausmaß der Allel-Varianz, sondern auf Merkmalsunterschiede zwischen den Bewohnern verschiedener geografischer Areale. Eine Rasse-Definition aufgrund der Allelvarianz ist eine neuartige Rasse-Definition.

 

7.) Da es zwischen den Rassen keine scharfen Grenzen gibt, sondern klinale Überschneidungen, wird behauptet, es gäbe deswegen keine Rassen.

In der Tat sind verschiedene Rassen (wie auch Arten) nicht scharf voneinander abgegrenzt; sie gehen oft nahtlos ineinander über. Das hat zur Folge, dass die Organismen im Übergangsbereich beiden Gruppen angehören. Wenn daraus aber der Schluss gezogen wird, es gäbe keine Rassen, dann gäbe es auch die meisten Arten nicht. Die Roten Listen würden ihren Sinn verlieren, wenn sie sich auf „reine Konstrukte des menschlichen Geistes“ bezögen. Auch „Berge“ sind nicht einfach zu definieren: Wo fängt ein Berg an? Wo fängt ein Tal an? Ist ein Haufen von zehn Sandkörnern schon ein Berg? Aber kaum jemand wäre davon überzeugt, dass es in der Natur keine Berge gäbe.

 

8.) Die „angeblichen“ Menschenrassen werden fast ausschließlich mit Haustierrassen verglichen (die in der Tat etwas Anderes sind), und nicht mit tausenden von Säugetier-, Vogel- oder Schmetterlingsrassen. 

Viele Rassen sind z.B. bei den Vögeln beschrieben worden. Sie sind nichts Anderes als die Rassen beim Menschen.

 

9.) Der Schlusssatz der „Jenaer Erklärung“ lautet: „Der Nichtgebrauch des Begriffes Rasse sollte heute und zukünftig zur wissenschaftlichen Redlichkeit gehören“.

Dabei wird ignoriert, das der Begriff der Rasse ein elementarer wissenschaftlicher Begriff der Zoologie ist (worüber in der zoologischen Systematik auch heute noch in tausenden von Publikationen gearbeitet wird). Selbst wenn dem Begriff Rasse die reale Existenz abgesprochen wird (wofür es ja einige philosophische Auffassungen gibt), dann wäre eine Reform des naturwissenschaftlichen Verständnisses von Rasse nur möglich, wenn die zoologischen Systematiker zur Vorbereitung dieser Reform mit hinzugezogen werden. Man kann nicht im Alleingang bei einer einzigen Spezies (Homo sapiens) die Rassen abschaffen, ohne die Spezialisten für andere Tiergruppen mit ins Boot zu nehmen. Zumindest die zoologische Praxis wäre ernsthaft betroffen. Es klingt recht paradox, dass die Jenaer Erklärung ausgerechnet von der Deutschen Gesellschaft für Zoologie verabschiedet wurde.

 

10.) Es wird darauf hingewiesen, dass es kein Maß dafür gibt, auf welcher Rangebene eine Gruppe eine Rasse ist, weil immer weitere Unterteilungen möglich sind. 

Das ist in der Tat ein Problem für die Definition des Begriffs Rasse. Während die Kriterien für Gruppenzusammenhalte („grouping“) aus der Natur abgelesen werden können, bleibt die Festlegung der Rangordnung („ranking“) eine subjektive Ermessenssache (Reydon und Kunz: Species as natural entities, instrumental units and ranked taxa: new perspectives on the grouping and ranking problems, Biological Journal of the Linnean Society 126, 2019, 623-636). Jedoch ist dieses Problem kein alleiniges Argument gegen die Existenz von Rassen; es gilt ebenso für andere taxonomischen Kategorien. Würde man aus diesem Grund den Begriff der Rasse abschaffen, dann schafft man die Glaubwürdigkeit der gesamten Taxonomie ab.   

 

11.) Es wird behauptet (sogar im Titel der Jenaer Erklärung), dass das Konzept der Rasse das Ergebnis von Rassismus sei.

Damit werden alle Taxonomen und Philosophen, die heute noch am Konzept der Rasse festhalten (und das sind viele), ins Lager der Rassisten gerückt.

 

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Artenschutz-Manifest:

Was benötigt der Artenschutz in Mitteleuropa?

Dringendes Statement zum Artenschutz (bevor wir noch weitere Arten verlieren):

Es gilt, eine Mauer niederzureißen: die verbreitete Meinung, Umweltschutz, Naturschutz und Artenschutz würden dieselben Ziele verfolgen. Aber das stimmt nicht: Umweltschutz, Naturschutz und Artenschutz verfolgen unterschiedliche (z.T. gegensätzliche) Ziele; sie überschneiden sich nur partiell.

Das gilt für Mitteleuropa, nicht für viele andere Teile der Welt, besonders nicht für die Tropen. Dort verfolgen Umweltschutz, Naturschutz und Artenschutz weitgehend dieselben Ziele, weil Flora und Fauna dort eine andere Vorgeschichte haben. Aber Mitteleuropa ist nicht Brasilien oder Indonesien.

Mitteleuropas Arten sind überwiegend nicht endemisch, sondern postglaziale Einwanderer. Daher sind sie an Habitate angepasst, die ihren Herkunftsländern entsprechen. Und das waren die Eiszeit-Refugien Osteuropas, Westasiens und des Mediterranraums. Diese Refugien bestanden nur zu einem geringen Teil aus dichten Wäldern mit geschlossenem Kronendach. Überwiegend waren die Refugien Steppen und lichte Wälder. Daher sind Mitteleuropas Arten (vor allem viele Insekten) überwiegend Arten der Steppen und lichten Wälder. Mitteleuropas Arten sind größtenteils nicht an die Biotope angepasst, die hier entstehen würden, wenn die Natur sich selbst überlassen würde. Dann würden fast überall dichte Dunkelwälder entstehen, in denen der Großteil von Mitteleuropas Arten nicht leben kann, zumal diese Landschaftsentwicklung gegenwärtig auch noch durch die Eutrophierung (den Stickstoff-Eintrag durch die Luft) beschleunigt und verstärkt würde. Daher sind Naturschutzmaßnahmen wie „Prozessschutz“ oder „Natur Natur sein lassen“ aus Gründen des Schutzes gefährdeter Arten abzulehnen.

Der Artenreichtum Mitteleuropas an vielen Pflanzen und Tieren hatte vor ca. 200 Jahren seinem Höhepunkt erreicht, als Mitteleuropa nur wenig bewaldet war. In früheren Jahrtausenden war der Artenreichtum deutlich geringer als im neunzehnten Jahrhundert, und gegenwärtig erreicht er nicht zuletzt infolge der starken Zunahme dichter Vergrasung, Verbuschung und Verwaldung unserer Landschaft erneut einen Tiefpunkt.

Die einstige Kargheit der mitteleuropäischen Landschaft vor einigen Jahrhunderten kann auch durch eine extensive und biologische Landwirtschaft nicht wieder hergestellt werden. Daher wird vorgeschlagen, dem gegenwärtigen Schwund der Arten dadurch entgegenzuwirken, dass mit technischen Mitteln Sonderflächen künstlich hergestellt werden, die den speziellen Habitat-Bedürfnissen der gefährdeten Art angepasst sind. Zur Anlage solcher Sonderflächen wären Land- und Forstwirte mit ihrem „know-how“ und ihrem Gerät in der Lage. Es müssten dann von den Landwirten neben Kartoffel- und Getreideäckern auch Flächen für z.B. Grauammern geschaffen werden. „Jedem Landwirt sein Biotop“ sollte künftig die Devise lauten, in Erweiterung des Vorschlags von Peter Berthold: „Jeder Gemeinde ihr Biotop“.

Rohstoff-Abbauflächen und Militärgelände haben uns in den letzten Jahrzehnten (obwohl mit völlig anderer Zielsetzung) vorgemacht, wie durch die maschinelle Entfernung dichter Bodenvegetation und die weitgehende Entbuschung der Flächen besonders für gefährdete Arten geeignete Habitate hergestellt werden können. Die Schaffung solcher Habitate wird heutzutage durch dringend gebotenen Artenschutz begründet. Dieses Artenschutz-Gebot läuft einem Umweltschutz-Gebot diametral entgegen, nämlich der Aufforstung mit dem Ziel der Kohlendioxyd-Bindung zur Reduktion der Erderwärmung. Zwischen diesen beiden geegnläufigen Zielen muss eine Kompromisslösung gefunden werden, die beiden Bedürfnissen, dem Artenschutz und dem Umweltschutz anteilmäßig nachkommt. Artenschutz ist nicht Alles, aber Umweltschutz ist auch nicht Alles.      

Es wird empfohlen, dass „Ausgleichsflächen“ nicht nur bei der Errichtung von Industriegebieten und Verkehrsflächen als Ersatz bereitgestellt werden müssen, sondern auch als Ausgleich für die Anlage land- und forstwirtschaftlicher Flächen und dass diese Ausgleichsflächen nicht (aus sog. „ökologischen“ Gründen) bevorzugt aufgeforstet werden, sondern für die jeweiligen spezifischen Bedürfnisse bestimmter Zielarten gestaltet werden.

 

Zielartenschutz:

Es geht darum, dass wir im Artenschutz wenig mit Begriffen wie „Naturräume“, „Ökosystem“ und oft auch „FFH-Gebiet“ anfangen können. Wir haben solche Gebiete in Deutschland entweder gar nicht mehr oder (für Tiere, nicht für Pflanzen) zu kleinräumig oder auch nach der Eiszeit nie gehabt. Wer solche Gebiete anstrebt, zielt nicht auf den Schutz gefährdeter Arten.

Wir müssen die Ursachen erkennen, warum bestimmte Arten verschwinden, und diese liegen meist nicht im Fehlen einer „ursprünglichen Natur“. Wir brauchen Zielartenschutz, und dazu brauchen wir Wissen über die speziellen Bedürfnisse der Zielarten, nicht undefinierte und ungepflegte Flächen als Naturschutzgebiete oder Ausgleichsflächen neben Verkehrswegen.

Habitatqualität lässt sich nur artspezifisch definieren, und solche Habitate müssen geschaffen werden. Artenschutz ist nicht Schutz der Natur vor menschlichen Eingriffen; oft ist es das Gegenteil.

Mühlenberg, M. 1998. Populationsbiologie und Gefährdung: das Zielartenkonzept. Artenschutzreport 38, 9-14.

Beispiele: Steinschmätzer (z.Zt. in Nordrhein-Westfalen kurz vor dem Aussterben) brauchen als Habitat einen großflächigen Steinhaufen, der von kahlen Böden umgeben ist; mehr nicht.

Bekassinen (z.Zt. in Nordrhein-Westfalen kurz vor dem Aussterben) brauchen als Habitat eine großflächige sehr nasse Binsenwiese; mehr nicht.

Solche Habitate erzielt man nicht, indem man Flächen unter Naturschutz stellt und aus der landwirtschaftlichen oder forstlichen Nutzung herausnimmt.

 

Was sind eigentlich die Gründe, warum Wildnis und Prozessschutz angestrebt werden?

 

Wildnis und Prozessschutz in vielen Habitaten reduzieren dort die Artenvielfalt bei Vögeln und Schmetterlingen

Prozessschutz ist ein Ziel der Nationalen Strategie zur Biologischen Vielfalt (Bundesministerium für Umwelt, Naturschutz und Reaktorsicherheit 2007). Danach soll bis 2020 der Flächenanteil der Wälder mit natürlicher Waldentwicklung 5 % der Waldfläche betragen. In Biosphärenreservaten sollen sich 3 % der Fläche "natürlich" entwickeln. Hinter diesen Zielstellungen steht die (unbewiesene) Erwartung, dass die natürliche Waldentwicklung die Biologischen Vielfalt erhöhen würde.

Diese Erwartung konnte an vielen Beispielen widerlegt werden, z.B.:

Reichhoff, L. 2018. Prozessschutz im Hartholzauenwald - ja aber! Artenschutzreport, 38, 17-22.

Wegener, U. 2018. Die dramatische Entwicklung der autochthonen Fichten im „Brockenurwald" - 30 Jahre Untersuchungen unter Prozessschutzbedingungen. Artenschutzreport, 38, 1-14.

Die in Mitteleuropa über Jahrtausende zurückreichende Förderung der Eiche in Kulturwäldern (zur Schweinemast) hat z.B. in den Hartholzauenwäldern einen Biotop von reicher Biodiversität geschaffen. Diese Artenvielfalt ist nachweislich zurückgegangen, seit der Prozessschutz vorgeschrieben ist. Der Prozessschutz verbietet partiell die forstlichen Eingriffe, was zur Ausdunkelung der Wälder geführt hat, so dass wegen fehlenden Lichtes kaum noch eine natürliche Verjüngung der Stiel-Eiche möglich ist. Aus den Eichen-reichen Hartholzwäldern verschwindet die Eiche.

Der durch den Prozessschutz geförderte dichtere Baumbestand und die Überschirmung der Wälder vor allem im oberen Kronendach hat in den letzten Jahrzehnten zahlreiche Vogelarten zurückgedrängt und hat in weiten Bereichen zum starken Rückgang der Waldschmetterlinge geführt (Ulrich, R. 2002. Vom Naturschutz vergessen: Die Lichtwaldarten. Naturschutz im Saarland, 3, 22-25). Als Beispiele seien nur der Grauspecht und der Braune Eichenzipfelfalter (Satyrium ilicis) genannt. In Deutschland gibt es heute fast gar keine Mittelwälder mehr, was gegenwärtig zum Aussterben des Haselhuhns führt (Herkenrath, P., Bergmann, H.-H., Jöbges, M., Klaus, S. & Weiss, J. 2018. Das Westliche Haselhuhn Tetrastes bonasia rhenana - eine Unterart vor dem Aussterben. 151. Jahresversammlung der DO-G - Tagungsband, 127).

Die Bevölkerung und die Naturschutz-Verbände sind heute in Deutschland tief gespalten, wenn es um die Ziele des Naturschutzes geht: Auf der einen Seite die Naturschützer, die sich eine indigene, ursprüngliche Natur wünschen und damit den Prozessschutz (und damit Wald) befürworten; auf der anderen Seite die Artenschützer, die sich den Artenreichtum wünschen (so wie er hier vor 200 Jahren gewesen ist) und die damit technisch manipulierter Offenland-Habitate befürworten. Dazwischen kursiert die verbreitete (aber falsche) Meinung, dass beides zu vereinbaren sei, dass nämlich Deutschland, würde man die Natur auf ausgewiesenen Flächen langfristig sich selber überlassen, wieder automatisch besonders artenreich würde.  

Warum wird eigentlich nicht die Frage gestellt, aus welchen Gründen wir überhaupt Wildnis und ursprüngliche Natur haben wollen? Dann wird sich herausstellen, dass der Wunsch nach unberührter Natur eher die eigenen Wünsche und Sehnsüchte der Menschen verwirklichen soll und dass eine solche Natur in Mitteleuropa eben nicht auch den Wünschen vieler Arten entspricht. Der Wunsch nach einem „Zurück zur Natur" ist im neunzehnten und frühen zwanzigsten Jahrhundert als Gegengewicht zu einem sich schnell entwickelnden technischen Fortschritt entstanden. In der Wildnis wird die Erhabenheit, die Schönheit und letztlich die „Heiligkeit" der Natur gesehen.

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