Elf Einwände gegen die „Jenaer Erklärung“ der Deutschen Zoologischen Gesellschaft (DZG) 2019:

(Werner Kunz, Juli 2020)

Am 24.09.2019 wurde von zwei Zoologischen Instituten (Jena und Rostock) und vom Max-Planck-Institut für Menschheitsgeschichte in Jena die gemeinsame „Jenaer Erklärung“ anlässlich der 112. Jahrestagung der Deutschen Zoologischen Gesellschaft in Jena veröffentlicht. Ein gleichlautender Artikel erschien kurz darauf im Dezemberheft 2019 in der Zeitschrift „Biologie in unserer Zeit“. Diese Erklärung bestreitet die Existenz von Rassen beim Menschen und bezeichnet das Konzept der Rasse als ein Ergebnis von Rassismus.

Hier wird das weit zurückreichende (von der Zoologie lange ignorierte) philosophische Problem der Taxonabgrenzung auf einmal von Biologen aufgegriffen und in einem recht einseitigen Verständnis auf die Taxonomie angewendet. Im Einzelnen werden in der Jenaer Erklärung folgende Begründungen gegen die Existenz von Rassen vorgebracht, dem hier einige Einwände entgegengehalten werden:

1.) Menschenrassen werden als „reines Konstrukt“ des menschlichen Geistes bezeichnet, weil es u.a. kein einziges Merkmal (bzw. Basenpaar im Genom) gibt, das alle Menschen eines Kontinents von allen eines anderen unterscheidet.

Hierzu ist zu bemerken, dass dies auch für das Taxon „Art“ gilt. Es handelt sich hier also nicht nur um eine Infragestellung des Begriffs der Rasse, sondern der gesamten zoologischen Taxonomie. Hier wird die Erwartung vorausgesetzt, dass Rassen durch essentielle Merkmale definierbar sein müssten (wie die Elemente in der Chemie). Die Philosophie aber definiert Rassen (wie auch Arten) seit langem nicht mehr als „natural kinds“ (wie die Elemente in der Chemie). Biologische Taxa werden anders definiert (z.B. als Individuen oder als semiobjektive Gruppen; siehe Reydon und Kunz: Species as natural entities, instrumental units and ranked taxa: new perspectives on the grouping and ranking problems, Biological Journal of the Linnean Society 126, 2019, 623-636).

2.) Rassen werden (beim Menschen) als nicht-existent bezeichnet.

Das ist schon deswegen nicht möglich, weil der Begriff Rasse (genau wie auch der Begriff „Art“) von Definitionen abhängt (Merkmalsgemeinschaft, Reproduktionsgemeinschaft, Abstammungsgemeinschaft) (Kunz: Do species exist? - Principles of taxonomic classification, Wiley-VCH 2012). Allein deswegen ist die Bezeichnung „nicht-existent“ nicht anwendbar, weil die Frage, ob etwas existiert oder nicht, für jede Definition getrennt gestellt werden muss.

3.) Es wird behauptet, dass taxonomische Unterschiedlichkeit heute überwiegend als genetische Distanz verstanden wird.

Biologische Taxa (Rasse wie auch die Arten) als Verwandtschaftsgemeinschaften (genetische Distanz) zu sehen, ist nur eine von mehreren Sichtweisen. Es gibt durchaus begründete Kritiken an der Sichtweise, die genetische Distanz als Artkriterium zu benutzen, schon deswegen, weil alle Arten miteinander verwandt sind. Es gibt nicht „verwandte Arten“ und „nicht-verwandte Arten“. Welche quantitative Distanz dann die Taxongrenze ist, ist eine rein subjektive Ermessenssache (Reydon und Kunz: Species as natural entities, instrumental units and ranked taxa: new perspectives on the grouping and ranking problems, Biological Journal of the Linnean Society 126, 2019, 623-636). Taxonomie ist Gruppenbildung, nicht Stammbaum.

4.) Es wird geltend gemacht, dass die Unterschiede zwischen den „angeblichen“ Menschenrassen sehr gering seien.

Geringfügigkeit ist kein Kriterium, das Existenzen von Nicht-Existenzen unterscheidet. Wenn sich zwei Dinge stark voneinander unterscheiden, dann sind es zwei stark voneinander verschiedene Dinge. Wenn sich zwei Dinge wenig voneinander unterscheiden, dann sind es zwei wenig voneinander verschiedene Dinge. Aber es sind dann immer noch zwei verschiedene Dinge.

5.) Es wird behauptet, dass die Auswahl der Merkmale, nach denen Rassen eingeteilt werden, willkürlich sei.

Das ist nicht richtig; denn die Zoologie teilt Rassen nach ihrem geografischen Vorkommensareal bzw. ihrer geografischen Herkunft ein. Zur Rasse-Definition werden nur objektiv vorhandene (nicht-konvergente) Merkmale verwendet, die die geografische Heimat anzeigen. Das ist keine willkürliche Wahl.

6.) Die Nicht-Existenz von Rassen beim Menschen wird auch damit begründet, dass die genetische Diversität der Individuen (Allel-Verteilung) schon innerhalb der Rassen sehr groß sei, so dass die Diversität der Individuen zwischen verschiedenen Rassen kaum größer sei.

Das ist richtig, aber das ursprüngliche zoologische Rassekonzept beruft sich nicht auf das Ausmaß der Allel-Varianz, sondern auf Merkmalsunterschiede zwischen den Bewohnern verschiedener geografischer Areale. Eine Rasse-Definition aufgrund der Allelvarianz ist eine neuartige Rasse-Definition.

7.) Da es zwischen den Rassen keine scharfen Grenzen gibt, sondern klinale Überschneidungen, wird behauptet, es gäbe deswegen keine Rassen.

In der Tat sind verschiedene Rassen (wie auch Arten) nicht scharf voneinander abgegrenzt; sie gehen oft nahtlos ineinander über. Das hat zur Folge, dass die Organismen im Übergangsbereich beiden Gruppen angehören. Wenn daraus aber der Schluss gezogen wird, es gäbe keine Rassen, dann gäbe es auch die meisten Arten nicht. Die Roten Listen würden ihren Sinn verlieren, wenn sie sich auf „reine Konstrukte des menschlichen Geistes“ bezögen. Auch „Berge“ sind nicht einfach zu definieren: Wo fängt ein Berg an? Wo fängt ein Tal an? Ist ein Haufen von zehn Sandkörnern schon ein Berg? Aber kaum jemand wäre davon überzeugt, dass es in der Natur keine Berge gäbe.

8.) Die „angeblichen“ Menschenrassen werden fast ausschließlich mit Haustierrassen verglichen (die in der Tat etwas Anderes sind), und nicht mit tausenden von Säugetier-, Vogel- oder Schmetterlingsrassen. 

Viele Rassen sind z.B. bei den Vögeln beschrieben worden. Sie sind nichts Anderes als die Rassen beim Menschen.

9.) Der Schlusssatz der „Jenaer Erklärung“ lautet: „Der Nichtgebrauch des Begriffes Rasse sollte heute und zukünftig zur wissenschaftlichen Redlichkeit gehören“.

Dabei wird ignoriert, das der Begriff der Rasse ein elementarer wissenschaftlicher Begriff der Zoologie ist (worüber in der zoologischen Systematik auch heute noch in tausenden von Publikationen gearbeitet wird). Selbst wenn dem Begriff Rasse die reale Existenz abgesprochen wird (wofür es ja einige philosophische Auffassungen gibt), dann wäre eine Reform des naturwissenschaftlichen Verständnisses von Rasse nur möglich, wenn die zoologischen Systematiker zur Vorbereitung dieser Reform mit hinzugezogen werden. Man kann nicht im Alleingang bei einer einzigen Spezies (Homo sapiens) die Rassen abschaffen, ohne die Spezialisten für andere Tiergruppen mit ins Boot zu nehmen. Zumindest die zoologische Praxis wäre ernsthaft betroffen. Es klingt recht paradox, dass die Jenaer Erklärung ausgerechnet von der Deutschen Gesellschaft für Zoologie verabschiedet wurde.

10.) Es wird darauf hingewiesen, dass es kein Maß dafür gibt, auf welcher Rangebene eine Gruppe eine Rasse ist, weil immer weitere Unterteilungen möglich sind. 

Das ist in der Tat ein Problem für die Definition des Begriffs Rasse. Während die Kriterien für Gruppenzusammenhalte („grouping“) aus der Natur abgelesen werden können, bleibt die Festlegung der Rangordnung („ranking“) eine subjektive Ermessenssache (Reydon und Kunz: Species as natural entities, instrumental units and ranked taxa: new perspectives on the grouping and ranking problems, Biological Journal of the Linnean Society 126, 2019, 623-636). Jedoch ist dieses Problem kein alleiniges Argument gegen die Existenz von Rassen; es gilt ebenso für andere taxonomischen Kategorien. Würde man aus diesem Grund den Begriff der Rasse abschaffen, dann schafft man die Glaubwürdigkeit der gesamten Taxonomie ab.   

11.) Es wird behauptet (sogar im Titel der Jenaer Erklärung), dass das Konzept der Rasse das Ergebnis von Rassismus sei.

Damit werden alle Taxonomen und Philosophen, die heute noch am Konzept der Rasse festhalten (und das sind viele), ins Lager der Rassisten gerückt.

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Was ist eine Art? Was ist eine Rasse?

(Werner Kunz, Juli 2020)

Um zu verstehen, was eine Art ist, muss unterschieden werden zwischen den Kriterien der Gruppierung und den Kriterien der Rangordnung (Reydon und Kunz: Species as natural entities, instrumental units and ranked taxa: new perspectives on the grouping and ranking problems. Biological Journal of the Linnean Society 126, 623-636, 2019).

Kriterien der Gruppierung (was hält Organismen zu Gruppen zusammen?) können aus der Natur abgelesen werden, Kriterien der Rangordnung (welches Ausmaß an Trennung ist die Schwelle für die Entstehung einer neuen Art?) sind menschliche Ermessenssache. Folglich wird der Begriff Art teilweise objektiv in der Natur wahrgenommen, teilweise aber auch von uns Menschen konzeptual geformt.

Die Kriterien des Zusammenhalts der Organismen zu Gruppen sind von unterschiedlicher Natur. Die Zusammengehörigkeit von Organismen beruht auf Merkmalsähnlichkeit, reproduktiver Verbindung oder dem Grad der Verwandtschaft (oder auch auf anderen Eigenschaften). Die Folge ist, dass es unterschiedliche Gruppen von Arten gibt, obwohl sie alle den gemeinsamen Namen "Art" tragen (Reydon: On the nature of the species problem and the four meanings of 'species'. Studies in History and Philosophy of Biological and Biomedical Sciences 36, 135-158, 2005).

 

Die wichtigsten Art-Definitionen sind:

1.) Die Repro-Spezies (Reproduktionsgemeinschaft),

2.) Die "Grad-der-Verwandtschaft-Spezies" (divergierende Zweige im Stammbaum)

3.) Die Phylo-Spezies (Gemeinschaft aus Organismen mit artspezifischen Merkmalen, die evolutionär gemeinsamen Ursprungs sind).

Diese Gruppen tragen alle den gemeinsamen Namen "Art". Die Gruppen überschneiden sich nur teilweise. Daher gibt es viele Individuen, die gleichzeitig verschiedenen Arten angehören, je nach verwendetem Gruppierungs-Kriterium. Das bringt die theoretischen Grundlagen der Taxonomie (was ist eine Art?) in Konflikt mit der taxonomischen Praxis. In der taxonomischen Praxis ist es kaum durchführbar, für die einzelnen Tiergruppen jeweils parallele Bestimmungsbücher vorzulegen, die die Organismen je nach Artdefinition unterschiedlich einteilen. Daher muss man sich in der Praxis für nur eine einzige Gruppierung entscheiden, also entweder die Reproduktionsgemeinschaft (das wäre der Mayr'sche Artbegriff) oder die Merkmalsgemeinschaft; oder man muss die unterschiedlichen Gruppierungen zusammenlegen und nach subjektivem Ermessen die Organismen, die unterschiedlichen Gruppen angehören, einer ausgewählten Gruppe zuordnen. Letzteres tut die integrative Taxonomie, sehr detailliert ausgeführt in: del Hoyo, Elliott, Sargatal, Christie: Handbook of the birds of the world, Vol. 1-16. Lynx Edicions, Barcelona 1992-2011.  

Es stellt sich nun die Frage, ob die drei verschiedenen Artbegriffe Aussagen über den Begriff der Art machen, die miteinander vergleichbar sind. Es stellt sich heraus, dass das nicht der Fall ist. Nur die Phylo-Spezies sagt aus:

  •    was eine Art ontologisch IST; die anderen Artkonzepte beinhalten lediglich Aussagen zu Ursachen (reproduktive Schranke) oder Zeitpunkt (Trennung stammesgeschichtlicher Zweige) der Artbildung. Sie sagen aber nicht aus, was eine Art ist.
  •    Allein die Phylo-Spezies vereinigt Organismen, die einander gleichwertig sind; nur bei der Phylo-Spezies ist die Relation der Organismen zueinander „von der gleichen Art sein wie“ eine Äquivalenzrelation (siehe unten). Die anderen Artkonzepte fassen lediglich Organismen zusammen, die reproduktiv zueinander verträglich sind bzw. nahe miteinander verwandt sind. Solche Relationen vereinen aber nicht notwendigerweise  Organismen, die einander gleichwertig sind.

 

Die drei Art-Definitionen im Detail:

1.) Die Repro-Spezies (Reproduktionsgemeinschaft): Dieser Artbegriff fasst Organismen zu Gruppen zusammen, die durch regelmäßigen Genaustausch miteinander verbunden sind. Der Genaustausch verbindet nicht alle Organismen der Art paarweise miteinander; z.B. sind Gleichgeschlechtliche und oft auch geografisch entfernte Individuen nicht fruchtbar miteinander verbunden. Aber über Zwischen-Organismen sind sie letztlich alle miteinander verbunden: Wenn A nicht mit B, dann jedoch mit C, und C dann wieder mit B.

Die Repro-Spezies war seit Theodosius Dobzhansky und Ernst Mayr das dominierende Artkonzept. Es war das Artkonzept schlechthin, das in der Schule gelehrt wurde. Erst in letzter Zeit geht es in seiner Bedeutung mehr und mehr zurück und weicht dem "Grad-der-Verwandtschaft“-Spezieskonzept, z.B. dem Barcode-Konzept.

Das Artkonzept der Reproduktionsgemeinschaft ist kein starkes Artkonzept, weil es im Grunde gar nicht definiert, was Arten SIND, sondern eigentlich nur aussagt, warum Artschranken aufrechterhalten werden (wegen der Reproduktionsbarrieren). Reproduktionsschranken führen zur Entstehung von Arten und verhindern, dass zwei Nachbararten wieder zu einer gemeinsamen Art verschmelzen. Das ist die eigentliche Aussage dieses Artkonzeptes. Von einem Artkonzept würde man jedoch eigentlich erwarten, dass es Organismen zusammenfasst, die zueinander gleichwertige Gemeinsamkeiten haben, die dann auch die Unterschiede zu Nachbararten sind.

Reproduktionsbarrieren basieren auf ganz unterschiedlichen Eigenschaften und können im Extremfall von einer Generation zur nächsten entstehen, z.B. wenn durch eine Inversion innerhalb eines Chromosoms das heterozygote Individuum unfruchtbar wird. Wenn in einer Population einzelne Organismen Träger dieser Inversion sind, dann läuft durch diese Population eine reproduktive Schranke (Kronberg: Artbildung durch Chromosomeninversion. Biologie in unserer Zeit, 50, 164-165, 2020). Aber ist dann auch eine neue Art entstanden? Eigentlich nicht; denn es ist lediglich eine Verpaarungsbarriere entstanden, die der Evolution nun Zeit gibt, wegen der Trennung eine separate Art aufzubauen. Ansonsten hat sich ja in den getrennten Untergruppen der Population zunächst nichts verändert, was sie gegenseitig oder von den Vorfahren unterscheidet. Wie begründet das also die Neuentstehung von Arten? Der Fall ist analog einer allopatrischen Abtrennung eines Teils der Population, wenn dies im Extremfall von einer Generation zur nächsten geschieht. Das ist keine Artbildung, sondern nur die Voraussetzung für eine Artbildung, weil die Evolution von nun an getrennt verläuft. Die Vorstellung wäre ja auch contra-intuitiv, dass eine Art von einer Generation auf die andere neu entstehen könne. Es muss zwischen den Voraussetzungen einer Artentstehung und der tatsächlichen Entstehung einer neuen Art unterschieden werden. Reproduktionsbarrieren sind Voraussetzung für die Entstehung einer Art, aber sie sind nicht ontologisch das, was eine Art IST.

Diese Überlegung löst auch ein von Anfang an mit dem Artkonzept der Reproduktionsgemeinschaft verbundenes Paradoxon: Wenn sich an der Peripherie einer weit über den Kontinent verbreiteten Art eine kleine Population durch eine Reproduktionsbarriere abspaltet, dann sind nach der Logik des Artkonzepts der Reproduktionsgemeinschaft beide Gruppen zu neuen Arten geworden: nicht nur die kleine isolierte periphere Population, sondern auch die große kontinentale Gruppe. Das wird als paradox empfunden, weil sich in dieser über den Kontinent verbreiteten Gruppe mit einer großen Zahl von Individuen ja überhaupt nichts verändert hat. Allein dieses Beispiel macht die Schwäche des Artkonzepts der Reproduktionsgemeinschaft deutlich.

Eine zusätzliche Schwäche des Konzepts der Reproduktionsgemeinschaft ist, dass die Organismen einer Reproduktionsgemeinschaft einander nicht gleichwertig sind. Im Gegensatz zur Phylo-Spezies (hier Nr. 3) ist beim Artbegriff der Reproduktionsgemeinschaft die Relation „von der gleichen Art sein wie“ keine Äquivalenzrelation, weil die Relation „reproduktiv verträglich mit“ weder:

(1) reflexiv (ein Individuum ist mit sich selbst nicht reproduktiv verbunden) noch

(2) symmetrisch (verbunden miteinander sind nur ungleiche Geschlechter) noch

(3) transitiv ist (A = B, B = C; aber C muss nicht mit A verbunden sein).

Eigentlich müsste man von einem Artkonzept erwarten, dass es Organismen zusammenfasst, die einander gleichwertig sind.

 

2.) Die "Grad-der-Verwandtschaft-Spezies" (divergierende Zweige im Stammbaum): Dieser Artbegriff fasst Organismen zu Gruppen zusammen, die nahe miteinander verwandt sind. Dieser Artbegriff ist in den letzten beiden Jahrzehnten durch den Barcode-Boom zum favorisierten Artbegriff geworden. Die Feststellung, welchen Verwandtschaftsgrad zwei Organismen zueinander haben, ist jedoch eine Stammbaum-Aussage; es ist keine taxonomische Aussage, weil die Aussage keine Gruppenabgrenzung beinhaltet. Der Versuch, den Stammbaum in Arten einzuteilen, erfordert, dass künstlich festgelegt werden muss, ab welchem Verwandtschaftsgrad die Artgrenze unter- bzw. überschritten wird. Die Natur kennt im Stammbaum keine Grenzen; denn wegen der Monophylie des Lebens sind alle Arten miteinander verwandt.

Ein weiterer Schwachpunkt des Konzepts der "Grad-der-Verwandtschaft-Spezies" besteht darin, dass auch dieses Artkonzept (wie das Konzept der Reproduktionsgemeinschaft) nicht sagt, was eine Art IST, sondern lediglich Auskunft darüber gibt, dass und wann sich Zweige im Stammbaum voneinander getrennt haben. Stammesgeschichtliche Abspaltung ist nicht Artbildung, sondern lediglich die Voraussetzung für eine Artbildung, weil ein Stammbaumzweig erst nach der Abspaltung eine eigene Entwicklung beginnen kann und seine eigenen Merkmal entwickeln kann, die diesen Zweig dann von der Stammgruppe und vom Schwesterzweig unterscheiden. 

Von einem Artkonzept erfordert man Kriterien der Speziation. Speziation bedeutet, dass sich etwas verändert, dass Unterschiede zu Nachbararten entstehen. Diese trennenden Merkmale müssen im Allgemeinen eine Anpassung an den Lebensraum sein oder für die Sexualpartnererkennung verantwortlich sein. Deswegen macht es keinen Sinn, zwei stammesgeschichtliche Zweige als zwei verschiedene Spezies einzustufen, nur weil sie hinsichtlich neutraler DNA-Sequenzen voneinander entfernt sind, die nichts mit dem Prozess der Speziation zu tun haben. Die Überschreitung eines gewissen Schwellenwerts an genetischer Distanz zu einem Nachbarzweig hat primär nichts mit Artbildung zu tun; denn auch nach längerer Trennung der Zweige im Stammbaum kann im Extremfall nichts entstanden sein, was eine Bedeutung für die Speziation hätte.

 

3.) Die Phylo-Spezies (Merkmalsgemeinschaft): Als drittes der gängigen Artkonzept bleibt die Phylo-Spezies. Dieser Artbegriff fasst Organismen zu Gruppen zusammen, die sich in solchen Merkmalen ähnlich sind, die einen zeitnahen gemeinsamen evolutionären Ursprung haben und die außerdem evolutionär bedeutsam sind. Die Art als Merkmalsgemeinschaft ist die einzige Spezies-Definition, die wirklich ontologisch aussagt, was eine Art IST. Nur wenn sich in einer abgetrennten Population evolutionär bedeutsame Anpassungen oder Änderungen in der Partnerwahl entwickelt haben, ist eine neue Art entstanden, nicht schon allein dadurch, dass Zeit vergangen ist und sich lediglich neutrale Sequenzen (die mit Speziation nichts zu tun haben) verändert haben.

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Anerkennt man die Phylo-Spezies als "die eigentliche" Art-Definition, dann stellt sich im Anschluss daran die Frage, welche Faktoren die Entstehung und Fortexistenz einer Art ermöglichen. Alle biparental sich fortpflanzenden Arten können nicht entstehen bzw. würden schnell wieder verschwinden, wenn es keine Reproduktionsbarrieren gäbe. Wie oben erläutert wurde, sind Reproduktionsbarrieren nicht das, was eine Art ist, sondern es sind Ursachen der Artentstehung und Arterhaltung. Reproduktionsbarrieren sind entweder:

1.) intrinsisch: Das sind genetisch basierte Merkmale, die bewirken, dass die prä- oder postzygotische Fortpflanzung behindert wird. Es sind Eigenschaften, die die Organismen selbst in sich tragen.

oder: 2.) extrinsisch:

a.) Allopatrie (geografische Barriere zwischen zwei Organismen): Wenn zwei Organismen allopatrisch getrennt sind, dann können sie sich nicht mehr miteinander fortpflanzen. Allopatrie besteht meistens in geografischen Barrieren. In den meisten Fällen kann experimentell nicht festgestellt werden, ob allopatrisch getrennte Organismen auch präzygotische intrinsische Fortpflanzungsbarrieren in sich tragen; denn die Verhaltensrituale, die zur Vereinigung der Sexulapartner führen, sind oft komplex und im Experiment nicht nachstellbar. Wenn solche präzygotischen Paarungsbarrieren tatsächlich in allopatrisch getrennten Organismen vorhanden sind, dann können sie nur zufällig (also ohne Selektionsdruck) entstanden sein.

Das bedeutet, dass das Artkonzept der Reproduktionsgemeinschaft auf allopatrisch verbreitete Organismen nicht anwendbar ist, weil mit dem Konzept der Repro-Spezies bei Allopatrien nicht entschieden werden kann, ob es sich um verschiedene Arten handelt oder nicht. Dies ist ein fundamentales Problem des Artkonzepts der Reproduktionsgemeinschaft. Das Problem wird auch nicht dadurch gelöst, dass die reproduktive Verbindung "potentiell" gegeben sei (oder nicht); denn es gibt (wie oben gesagt) in den meisten Fällen keine Möglichkeit, die "potentielle" Existenz eventueller präzygotischer Barrieren experimentell zu überprüfen. Dies wird erst dann möglich sein, wenn die Gene für präzygotische Barrieren bekannt sind, vor allem auch die Gene für das Verhalten, das die Partnerfindung und Paarung steuert.

b.) geografische Distanz (geografische Distanz zwischen zwei Organismen ohne Barriere):  Geografisch voneinander entfernte Organismen innerhalb einer Reproduktionsgemeinschaft verpaaren sich oft nicht, auch in den Fällen, in denen es zwischen ihnen keine intrinsische Reproduktionsschranke gibt (Smith, Schneider und Holder: Refugial isolation versus ecological gradients. Genetica 112-113, 383-398, 2001). Der Grund der reproduktiven Trennung ist nur der, dass sich die Organismen aus entfernten Arealen des Vorkommensbereichs der Art nicht begegnen. Daher können sich in geografisch voneinander entfernten Organismen bestimmte Merkmale etablieren und in den Populationen fixieren, ohne dass ein Genfluss mit den Nachbarpopulationen dies wieder rückgängig macht. Entfernte Populationen innerhalb ein und derselben Reproduktionsgemeinschaft können damit verschieden werden. 

Wenn solche Merkmale, die geografisch entfernte Populationen voneinander unterscheiden, evolutionär gemeinsamen zeitnahen Ursprungs sind und evolutionär bedeutsam sind, dann gehören die Populationen verschiedenen Rassen an. Die Individuen einer Rasse vermischen sich mit denen einer anderen Rasse nur im klinalen Überschneidungsbereich der Rassen oder wenn eine Rasse durch Wanderung ins Areal einer anderen Rasse eindringt. Wenn die geografische Trennung wegfällt und die Rassen sich vermischen, dann verschwinden die Rassen; oft ist aber die Herkunft einer Rasse im Gebiet einer zweiten Rasse noch eine Zeitlang nachweisbar, weil es meist doch leichte assortative Paarungsschranken (oder beim Menschen noch eher ethnische Distanzen) gibt und die Vermischung langsam verläuft.

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Der Unterschied zwischen Art und Rasse:

Phylo-Spezies (1) und Rassen (2) haben gemeinsam, dass sie durch Merkmale definiert sind, die evolutionär gemeinsamen Ursprungs und evolutionär bedeutsam sind. Der Unterschied ist Folgender:

(1) Phylo-Spezies entstehen und existieren für einen gewissen evolutionären Zeitraum, weil die Organismen durch intrinsische Kreuzungsbarrieren voneinander abgegrenzt sind.

(2) Rassen entstehen und existieren für einen gewissen evolutionären Zeitraum, weil sie durch die geografische Distanz extrinsisch voneinander getrennt sind.

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Alternative Wege zur Rettung aussterbender Arten in Deutschland

(Werner Kunz, Juli 2020)

Der Rückgang vieler Arten in den letzten Jahrzehnten in Deutschland ist in aller Munde. Die Intensivierung der Landwirtschaft, Düngung und Gifte und der Klimawandel werden immer sofort als Ursachen genannt. Was oft vergessen wird, ist die Tatsache, dass unsere gesamte Landschaft seit der zweiten Hälfte des neunzehnten Jahrhunderts deutschlandweit eine Struktur annimmt, die es seit Jahrhunderten (vielleicht sogar seit dem Ende der Eiszeit) nie gegeben hat. Sanddünenlandschaften, Heiden und weite Geröllflächen (wie z.B. vor zwei Jahrhunderten Teile des Thüringer Beckens oder noch vor hundert Jahren das Lechfeld südlich von Augsburg) verschwinden, Feucht- und Schlammflächen wurden entwässert, und Alles wird von Wäldern überwuchert. Die Landschaft verändert sich in einer Richtung, die nicht den Bedürfnissen vieler gefährdeter Arten entspricht.

Viele Menschen wissen nicht, wie früher die Landschaft in Deutschland ausgesehen hat. Sie sehnen sich nach Wald und setzen den Begriff Natur oft mit Wald gleich. Der Wunsch nach Wildnis und die Wertschätzung von Wald-Nationalparks sind hoch im Kurs. Es wird nicht bedacht, dass menschliche Eingriffe in die Landschaft nötig sind, um die Entstehung einer Vegetationsstruktur zu verhindern, die es seit der Eiszeit offenbar nie gegeben hat. Wenn wir die Natur langfristig sich selbst überlassen, tun wir vielen gefährdeten Arten keinen Gefallen.

Die Eiszeiten haben in Mitteleuropa den Großteil der hier heimischen (endemischen) Arten der ursprünglichen artenreichen Fauna und Flora des ausgehenden Tertiärs zerstört. Die hohen Gebirge des Südens und Südostens haben für viele Arten die Ausweichmöglichkeiten versperrt. Als die Eismassen zu Beginn des Holozäns zurückwichen, gaben sie große leere Räume frei, die von Tieren und Pflanzen aus dem Osten und Süden neu besiedelt wurden. Und diese Arten kamen größtenteils nicht aus dichten Wäldern. Viele der heute in Mitteleuropa lebenden Tierarten sind keine einheimischen Mitteleuropäer. Sie haben ihr Kernvorkommen auch heute noch in anderen Ländern. Es gibt heute kaum endemische Arten in Mitteleuropa. Die meisten Arten haben einen Migrationshintergrund. Kein einziger Tagschmetterling ist wirklich ein "deutscher" Tagfalter; er ist allenfalls ein (auch) in Deutschland vorkommender Falter.

Ein Großteil der Einwanderer ist nicht an dichte Wälder angepasst, sondern an die offenen Landschaften des Ostens und Südens Europas und Westasiens, dort wo die Arten herkommen. Die Einwanderung der Arten wurde möglich, weil der Mensch als Viehzüchter und Ackerbauer bereits in der Jungsteinzeit in die nacheiszeitliche Wiederbewaldung eingegriffen hat und Teile der mitteleuropäischen Landschaft in Offenflächen umgestaltet hat, die denen des Ostens und Südens Europas glichen. Homo sapiens kommt aus den Savannen Ostafrikas. Er mag die Wälder nicht. Sie hindern ihn am weiten Blick und sind voller Gefahren. Die Forestophobie des Menschen hat sich in Deutschland erst dann gewandelt, als vor dreihundert Jahren das Holz als Rohstoff zur Mangelware wurde und Carl von Carlowitz sich für Nachhaltigkeit und Aufforstung einsetzte, und dann vor zweihundert Jahren, als während der napoleonischen Befreiungskriege der Wald zum Inbegriff der Romantik und des Deutschtums wurde.

Bis vor wenigen Jahrhunderten hat der Mensch die Wälder immer beseitigt. Das kam vielen Tierarten entgegen. Nur weil der Mensch in Mitteleuropa manche Biotope neu geschaffen hat, konnten viele der hier heute vorkommenden Arten überhaupt erst einwandern. Feldlerchen sind Steppenvögel, die bei uns auf Wiesen- und Ackerflächen leben; Haubenlerchen sind Vögel der Halbwüste, die bei uns auf Gleisanlagen und Industriebrachen leben; Goldregenpfeifer sind Vögel des nordischen Fjälls, die nach Nord-Mitteleuropa einwandern konnten, weil Gras- und Heidenflächen durch Schafbeweidung entstanden sind und weil die Hochmoore entwässert wurden; Birkhühner leben im Gebirge an der Baumgrenze oder hoch im Norden und wanderten ein, als der Mensch in Mitteleuropa durch Entwaldung und Moorentwässerung die geeigneten Biotope geschaffen hat. Nahezu alle Lebensräume, die in Mitteleuropa von Orchideen besiedelt sind, sind Standorte, an denen der Mensch die natürliche Entwicklung der Vegetation verhindert hat.

Viele artenreiche und daher als Naturschutzgebiete ausgewiesene Kleingewässer haben nur wenig mit Naturgebieten oder gar Wildnis zu tun. Sie sind nicht natürlich entstanden, sondern aus ehemaligen Torfstichen, Fischzucht-Teichen oder Wassermühlen hervorgegangen. Die Ziegen- und Schafbeweidung auf mitteldeutschen Berghängen schuf Brachflächen, die zu optimalen Schmetterlingsbiotopen wurden. Mitteleuropa besitzt außer den Hochalpen und einigen Stellen an den Meeresküsten seit mindestens tausend Jahren fast keine natürlichen Landschaften mehr. Viele Habitate seltener Arten müssen nicht vor dem Menschen, sondern vor der Natur geschützt werden, weil die natürliche Sukzession in Form von Verbuschung und Verlandung das Habitat als Lebensraum der Arten zerstören würde. Viele heute in Mitteleuropa lebende Arten können nicht in Landschaften leben, die hier entstehen würden, wenn man die Natur sich selbst überließe und der Mensch aufhören würde, in die Natur einzugreifen.

Die Heimat vieler bedrohter Arten sind in Deutschland die Offenflächen. Das waren früher die Äcker, Wiesen und Weiden und die von Schafen und Ziegen bevölkerten Heiden und Gebirgshänge. Alle diese Habitate sind durch die Intensivierung der Landwirtschaft oder durch Einstellung der Bewirtschaftung und vor allem auch durch hemmungslose Aufforstung zu dicht bewachsenen Flächen geworden und damit für die meisten Offenland-Arten unbewohnbar geworden. Als Ersatz für die verschwundenen karg bewachsenen Flächen sind in den letzten Jahrzehnten Rohstoffabbauflächen (Braunkohle, Kies, Quarz), Militärgelände und Industriebrachen entstanden. Dort haben sich viele der von den Landwirtschaftsflächen vertriebenen Arten erfolgreich angesiedelt. Auch bevölkern viele verlorene Arten nun verstärkt die Nordseeinseln, weil dort karge, lockere Böden und baum- und buschfreie Flächen zur Verfügung stehen, so z.B. Kornweihen, Sumpfohreulen, Steinschmätzer und der Mittlere Perlmuttfalter. Alle vier sind Arten, die im gesamten übrigen Deutschland vom Aussterben bedroht sind.

Diese Flächen sollten eine Orientierungshilfe sein, wie der Artenschutz in heutiger Zeit aussehen müsste. Es ist eine Illusion, die verlorenen Kiebitze, Rebhühner oder Bekassinen der kargen Äcker und Nasswiesen durch Extensivierung der Landwirtschaft zurückzugewinnen. Das könnte man nur erreichen, wenn die Getreidefelder wieder voller Sandflächen und Unkräuter sind, wenn die Heiden wieder voller Wanderdünen sind oder wenn die Wiesen wieder morastig, buckelig und von Binsen durchsetzt sind. Das was uns Rohstoffabbauflächen, Militärgelände und Industriebrachen vorgemacht haben, das könnten Landschaftsgärtner, Land- und Forstwirte mit ihren Know-how und ihrem technischen Gerät auf ausgewiesenen Sonderflächen (die neben den landwirtschaftlichen Ertragsflächen angelegt werden müssten) nachmachen. Dazu brauchen wir Flächen und Geld. Aber die geplante Extensivierung der Landwirtschaft und die Düngeverordnung kosten auch Geld. Wir brauchen keine Ranger; wir brauchen Gärtner.

Es fehlt nicht an Know-how, wie Biotope angelegt werden müssen (und auch nicht an Geld), sondern an der Bereitschaft der Politik und der Naturschutzverbände, sich zu einem Artenschutz durchzuringen, der von der Mehrheit der Bevölkerung nicht gewünscht ist, weil üppiges Grün, Wald und Wildnis gewollt werden und es an Einsicht fehlt, dass gerade die (für uns Menschen) weniger ästhetische Biotope die Artenparadiese sein können. Die besonders in Deutschland verbreitete Sehnsucht nach unberührter Natur strebt andere Ziele an als die Rettung des in Mitteleuropa schwindenden Artenreichtums.

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Leitlinien für den Artenschutz

(Werner Kunz, Januar 2019)

Artenrückgang durch Vergrasung, Verbuschung und Verwaldung unserer Landschaft

Es gilt, eine Mauer niederzureißen: die verbreitete Meinung, Umweltschutz, Naturschutz und Artenschutz würden dieselben Ziele verfolgen. Aber das stimmt nicht: Umweltschutz, Naturschutz und Artenschutz verfolgen unterschiedliche (z.T. gegensätzliche) Ziele; sie überschneiden sich nur partiell.

Das gilt für Mitteleuropa, nicht für viele andere Teile der Welt, besonders nicht für die Tropen. Dort verfolgen Umweltschutz, Naturschutz und Artenschutz weitgehend dieselben Ziele, weil Flora und Fauna dort eine andere Vorgeschichte haben. Aber Mitteleuropa ist nicht Brasilien oder Indonesien.

Mitteleuropas Arten sind überwiegend nicht endemisch, sondern postglaziale Einwanderer. Daher sind sie an Habitate angepasst, die ihren Herkunftsländern entsprechen. Und das waren die Eiszeit-Refugien Osteuropas, Westasiens und des Mediterranraums. Diese Refugien bestanden nur zu einem geringen Teil aus dichten Wäldern mit geschlossenem Kronendach. Überwiegend waren die Refugien Steppen und lichte Wälder. Mitteleuropas Arten sind größtenteils nicht an die Biotope angepasst, die hier entstehen würden, wenn die Natur sich selbst überlassen würde. Dann würden fast überall dichte Dunkelwälder entstehen, in denen der Großteil von Mitteleuropas Arten nicht leben kann, zumal diese Landschaftsentwicklung gegenwärtig auch noch durch die Eutrophierung (den Stickstoff-Eintrag durch die Luft) beschleunigt und verstärkt würde. Daher sind Naturschutzmaßnahmen wie „Prozessschutz“ oder „Natur Natur sein lassen“ aus Gründen des Schutzes gefährdeter Arten abzulehnen.

Der Artenreichtum Mitteleuropas an vielen Pflanzen und Tieren hatte vor ca. 200 Jahren seinem Höhepunkt erreicht, als Mitteleuropa nur wenig bewaldet war. In früheren Jahrtausenden war der Artenreichtum deutlich geringer als im neunzehnten Jahrhundert, und gegenwärtig erreicht er nicht zuletzt infolge der starken Zunahme dichter Vergrasung, Verbuschung und Verwaldung unserer Landschaft erneut einen Tiefpunkt.

 

Auf der einen Seite die landwirtschaftlichen Ertragsflächen, auf der anderen Seite die Sonderflächen für bedrohte Arten

Die einstige Kargheit der mitteleuropäischen Landschaft vor einigen Jahrhunderten kann auch durch eine extensive und biologische Landwirtschaft nicht wieder hergestellt werden. Daher wird vorgeschlagen, dem gegenwärtigen Schwund der Arten dadurch entgegenzuwirken, dass mit technischen Mitteln Sonderflächen künstlich hergestellt werden, die den speziellen Habitat-Bedürfnissen der gefährdeten Art angepasst sind. Zur Anlage solcher Sonderflächen wären Land- und Forstwirte mit ihrem „know-how“ und ihrem Gerät in der Lage. Es müssten dann von den Landwirten neben Kartoffel- und Getreideäckern auch Flächen für z.B. Grauammern geschaffen werden. „Jedem Landwirt sein Biotop“ sollte künftig die Devise lauten, in Erweiterung des Vorschlags von Peter Berthold: „Jeder Gemeinde ihr Biotop“.

Rohstoff-Abbauflächen und Militärgelände haben uns in den letzten Jahrzehnten (obwohl mit völlig anderer Zielsetzung) vorgemacht, wie durch die Beseitigung dichter Bodenvegetation und die weitgehende Entbuschung der Flächen besonders für gefährdete Arten geeignete Habitate hergestellt werden können. Solche Flächen brauchen wir, um einige vom Aussterben bedrohte Arten zurückzuholen. Dieses Artenschutz-Gebot läuft einem Umweltschutz-Gebot diametral entgegen, nämlich der Aufforstung mit dem Ziel der Kohlendioxyd-Bindung zur Reduktion der Erderwärmung. Zwischen diesen beiden gegenläufigen Zielen muss eine Kompromisslösung gefunden werden, die beiden Bedürfnissen, dem Artenschutz und dem Umweltschutz anteilmäßig nachkommt. Artenschutz ist nicht Alles, aber Umweltschutz ist auch nicht Alles.     

Es wird empfohlen, dass „Ausgleichsflächen“ nicht nur bei der Errichtung von Industriegebieten und Verkehrsflächen als Ersatz bereitgestellt werden müssen, sondern auch als Ausgleich für die Anlage land- und forstwirtschaftlicher Flächen und dass diese Ausgleichsflächen nicht (aus sog. „ökologischen“ Gründen) bevorzugt aufgeforstet werden, sondern für die jeweiligen spezifischen Bedürfnisse bestimmter Zielarten gestaltet werden, und das ist eben nicht die Aufforstung.

 

Zielartenschutz

Wir müssen die Ursachen erkennen, warum bestimmte Arten verschwinden, und diese liegen meist nicht im Fehlen einer „ursprünglichen Natur“. Wir brauchen Zielartenschutz, und dazu brauchen wir die zielgerichtete Gestaltung der Habitate für die speziellen Bedürfnisse bestimmter Zielarten, wenn Flächen als Naturschutzgebiete oder Ausgleichsflächen neben Verkehrswegen eingerichtet werden.

Habitatqualität lässt sich nur artspezifisch definieren, und solche Habitate müssen geschaffen werden. Artenschutz ist nicht Schutz der Natur vor menschlichen Eingriffen; oft ist es das Gegenteil.

Mühlenberg, M. 1998. Populationsbiologie und Gefährdung: das Zielartenkonzept. Artenschutzreport 38, 9-14.

Beispiele:

Steinschmätzer (z.Zt. in Nordrhein-Westfalen kurz vor dem Aussterben) brauchen als Habitat einen großflächigen Steinhaufen, der von kahlen Böden umgeben ist; mehr nicht.

Bekassinen (z.Zt. in Nordrhein-Westfalen kurz vor dem Aussterben) brauchen als Habitat eine großflächige sehr nasse Binsenwiese; mehr nicht.

Solche Habitate erzielt man nicht, indem man Flächen unter Naturschutz stellt und aus der landwirtschaftlichen oder forstlichen Nutzung herausnimmt. Sie müssen gezielt hergestellt und gepflegt werden.

 

Wildnis und Prozessschutz reduzieren die Artenvielfalt bei Vögeln und Schmetterlingen in vielen Habitaten

Prozessschutz ist ein Ziel der Nationalen Strategie zur Biologischen Vielfalt (Bundesministerium für Umwelt, Naturschutz und Reaktorsicherheit 2007). Danach soll bis 2020 der Flächenanteil der Wälder mit natürlicher Waldentwicklung 5 % der Waldfläche betragen. In Biosphärenreservaten sollen sich 3 % der Fläche "natürlich" entwickeln. Hinter diesen Zielstellungen steht die (unbewiesene) Erwartung, dass die natürliche Waldentwicklung die biologische Vielfalt erhöhen würde.

Diese Erwartung konnte an vielen Beispielen widerlegt werden, z.B.:

Reichhoff, L. 2018. Prozessschutz im Hartholzauenwald - ja aber! Artenschutzreport, 38, 17-22.

Wegener, U. 2018. Die dramatische Entwicklung der autochthonen Fichten im „Brockenurwald" - 30 Jahre Untersuchungen unter Prozessschutzbedingungen. Artenschutzreport, 38, 1-14.

Die in Mitteleuropa über Jahrtausende zurückreichende Förderung der Eiche in Kulturwäldern (zur Schweinemast) hat z.B. in den Hartholzauenwäldern einen Biotop von reicher Biodiversität geschaffen. Diese Artenvielfalt ist nachweislich zurückgegangen, seit der Prozessschutz vorgeschrieben ist. Der Prozessschutz verbietet partiell die forstlichen Eingriffe, was zur Verdichtung der Wälder geführt hat, so dass wegen fehlenden Lichtes kaum noch eine natürliche Verjüngung der Stiel-Eiche möglich ist. Aus den Eichen-reichen Hartholzwäldern verschwindet die Eiche als Folge des Prozessschutzes.

Der durch den Prozessschutz geförderte dichtere Baumbestand und die Überschirmung der Wälder vor allem im oberen Kronendach haben in den letzten Jahrzehnten zahlreiche Vogelarten zurückgedrängt und in weiten Bereichen zum starken Rückgang der Waldschmetterlinge geführt (Ulrich, R. 2002. Vom Naturschutz vergessen: Die Lichtwaldarten. Naturschutz im Saarland, 3, 22-25). Als Beispiele seien nur der Grauspecht und der Braune Eichenzipfelfalter (Satyrium ilicis) genannt. In Deutschland gibt es heute fast gar keine Mittelwälder mehr, was gegenwärtig zum Aussterben des Haselhuhns führt (Herkenrath, P., Bergmann, H.-H., Jöbges, M., Klaus, S. & Weiss, J. 2018. Das Westliche Haselhuhn Tetrastes bonasia rhenana - eine Unterart vor dem Aussterben. 151. Jahresversammlung der DO-G - Tagungsband, 127).

Die Bevölkerung und die Naturschutz-Verbände sind heute in Deutschland tief gespalten, wenn es um die Ziele des Naturschutzes geht: Auf der einen Seite die Naturschützer, die sich eine indigene, ursprüngliche Natur wünschen und damit den Prozessschutz (und damit Wald) befürworten; auf der anderen Seite die Artenschützer, die sich den Artenreichtum wünschen (so wie er hier vor 200 Jahren gewesen ist) und die damit technisch manipulierter Offenland-Habitate befürworten. Dazwischen kursiert die verbreitete (aber falsche) Meinung, dass beides zu vereinbaren sei, dass nämlich Deutschland, würde man die Natur auf ausgewiesenen Flächen langfristig sich selber überlassen, wieder automatisch besonders artenreich würde.

Warum wird eigentlich nicht die Frage gestellt, aus welchen Gründen wir überhaupt Wildnis und ursprüngliche Natur haben wollen? Dann wird sich herausstellen, dass der Wunsch nach unberührter Natur eher die eigenen Wünsche und Sehnsüchte der Menschen verwirklichen soll und dass eine solche Natur in Mitteleuropa eben nicht den Wünschen vieler Arten entspricht.

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Verantwortlich für den Inhalt: E-Mail sendenProf. Dr. Werner Kunz