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Aktuelles

Einwände gegen die „Jenaer Erklärung“ der Deutschen Zoologischen Gesellschaft (DZG) 2019:

Am 24.09.2019 wurde von zwei Zoologischen Instituten (Jena und Rostock) und vom Max-Planck-Institut für Menschheitsgeschichte in Jena die gemeinsame „Jenaer Erklärung“ anlässlich der 112. Jahrestagung der Deutschen Zoologischen Gesellschaft in Jena veröffentlicht. Diese Erklärung bestreitet die Existenz von Rassen beim Menschen und bezeichnet das Konzept der Rasse als ein Ergebnis von Rassismus. Ein inhaltlich gleicher Artikel erschien kurz darauf im Dezemberheft 2019 in der Zeitschrift „Biologie in unserer Zeit (BIUZ)“. Auch in den Medien wurde die „Jenaer Erklärung“ weit verbreitet. Die intensive Öffentlichkeitsarbeit entsprach eher einer Strategie zur Verbreitung politischer oder religiöser Botschaften als einer wissenschaftlich-zoologischen Veröffentlichung.

Die „Jenaer Erklärung“ behauptet, dass das Konzept der Rasse (beim Menschen) das „Ergebnis von Rassismus“ ist. Damit werden indirekt die Wissenschaftler, die weiter am Konzept der Rasse festhalten, ins Lager der Rassisten gerückt. 

Nun ist der Begriff der Rasse ein zoologisch-taxonomischer Fachbegriff, der in seiner biologischen (evolutionären) Bedeutung und in seinen philosophischen Grundlagen (Klassenbildung) vor allem im vorigen Jahrhundert von vielen Biologen erarbeitet wurde. Heraus ragen der Zoologe und Philosoph Bernhard Rensch (der den Begriff „Art“ durch den Begriff „Rassenkreis“ ersetzen wollte, weil ein Art fast immer eine Summe von Rassen ist), der Genetiker Theodosius Dobzhansky und der Taxonom Ernst Mayr (der den biologischen Artbegriff entscheidend geformt hat). Die Aussagen dieser Wissenschaftler zur menschlichen Rasse sollten nun auf einmal nicht mehr gelten. Angewandt auf Tierarten, ist der Begriff unverzichtbar. Fast alle Tierarten werden in Rassen untergliedert. Es gibt kaum Ausnahmen. Nur Arten, deren Verbreitung auf einen ganz kleinen Raum beschränkt ist (Endemismen), oder Arten, die evolutionär neu entstanden sind, oder Arten, die nicht sesshaft und sehr mobil sind, haben keine Rassen. Allein die Ornithologie arbeitet mit (grob geschätzt) 50 000 Rassen.

Der Begriff „Rasse“ ist ein biologische Fachbegriff, die Bezeichnung „Rassist“ dagegen ein ethischer und soziologischer Begriff. Die beiden Ausdrücke liegen nicht auf ein und derselben Ebene. Ein „Rassist“ ist nicht derjenige, der mit Rassen arbeitet, sondern ein Mensch, der die Angehörigen anderer Rassen für minderwertig hält. Wer sich wissenschaftlich mit Rassen beschäftigt, ist kein Rassist. Insofern vermischt der Titel der Publikation der „Jenaer Erklärung - Das Konzept der Rasse ist das Ergebnis von Rassismus und nicht dessen Voraussetzung“ (Biuz, 6, 399-402, 2019) Dinge miteinander, die nicht auf derselben Plattform liegen. Der Titel vermischt wissenschaftliche Erkenntnis mit ethischer Gesinnung.

Anstatt dass die „Jenaer Erklärung“ ihre Chance genutzt hätte, vonseiten der Zoologie die Bevölkerung darüber aufzuklären, was eine Rasse ist (wo doch der Begriff der Rasse so stark missverstanden wird), wird in der „Jenaer Erklärung“ die Rasse einfach abgeschafft. Mit dieser Botschaft werden die Rassisten nicht erreicht, die eigentlich hätten erreicht werden sollen.

Der Begriff „Rasse“ ist ein komplexer Begriff, der sich aus objektiv empirisch zu beobachtenden Fakten (Gruppenzusammenhalte) und subjektiven mentalen Verknüpfungen (Klassenbildung) zusammensetzt. Insofern kann der Begriff „Rasse“ unterschiedlich definiert werden. Deshalb ist der als Folge der „Jenaer Erklärung“ oft zitierte Satz „Die Wissenschaft hat gezeigt, dass es beim Menschen keine Rassen gibt“ eine falsche Schlussfolgerung, weil der Begriff von Definitionen abhängt. So etwas kann man nicht zu einer simplen Alternative „gibt es – gibt es nicht“ machen.

Es wird immer wieder geltend gemacht, dass die genetische Variation der Angehörigen einer Rasse innerhalb der Rasse größer sein kann als zwischen den Angehörigen verschiedener Rassen, woraus dann geschlossen wird, dass man Rassen genetisch gar nicht unterscheiden könne und der Begriff Rasse deswegen keinen Sinn machen würde. Aber wo kommt man hin, wenn man die Existenz von Gruppenunterschieden nach dem generellen genetischen Verschiedenheitsgrad beurteilt? Wenn man aus der Erkenntnis, dass die Gruppen-interne Verschiedenheit schon ebenso groß ist wie die Verschiedenheit zwischen den Gruppen, den Schluss zieht, es gäbe die Gruppen gar nicht, dann gäbe es auch keine Männer und Frauen; denn der genetische Verschiedenheitsgrad innerhalb der Geschlechter ist auch hier ebenso groß wie die Unterschiede zwischen den Geschlechtern. Es kommt selbstverständlich auf bestimmte diagnostisch-evolutionär bedeutsame Einzelmerkmale an, nach denen sich Gruppen unterscheiden oder nicht, und das gilt für Rassen genauso wie für die Geschlechter. Der Taxonom wählt die Merkmale, nach denen er Rassen definiert, nicht willkürlich aus (auch das eine falsche Behauptung in der „Jenaer Erklärung“), sondern es müssen phylogenetisch relevanten Anpassungen an die geografische Umgebung sein, in der sich die Rasse entwickelt hat.

In der „Jenaer Erklärung“ wird auch geltend gemacht, dass die Unterschiede zwischen Menschen verschiedener geografischer Herkunft sehr gering seien, so dass es deswegen keine Rassen gäbe. Aber wenn sich zwei Gruppen stark voneinander unterscheiden, dann sind es zwei stark voneinander verschiedene Gruppen. Und wenn sich zwei Gruppen wenig voneinander unterscheiden, dann sind es zwei wenig voneinander verschiedene Gruppen. Aber es sind dann immer noch zwei verschiedene Gruppen.

Die „Jenaer Erklärung“ bezieht sich auf die stammesgeschichtlichen Beziehungen einzelner menschlicher Gruppen zueinander. Deswegen werden Rassen beim Menschen zurückgewiesen. Aber das ist weder das, was der Taxonom unter einem Taxon versteht, noch ist es das, was der Philosoph unter einer Klassenbildung versteht.

Da der Begriff der Rasse ein elementarer wissenschaftlicher Begriff der Zoologie ist (worüber in der zoologischen Systematik auch heute noch in tausenden von Publikationen gearbeitet wird), hätte die „Jenaer Erklärung“ mit der Absicht, den Rassebegriff abzuschaffen, die zoologischen Systematiker mit ins Boot zu nehmen müssen, anstatt im Alleingang bei einer einzigen Spezies (Homo sapiens) die Rassen abzuschaffen. Zumindest die zoologische Praxis wäre ernsthaft betroffen, wenn die "Jenaer Erklärung" recht hätte. Es klingt recht paradox, dass die "Jenaer Erklärung" ausgerechnet von der Deutschen Gesellschaft für Zoologie verabschiedet wurde.

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Was ist eine Art?

Sowohl unter den Biologen als auch unter den Philosophen gibt es Wissenschaftler, die der Überzeugung sind, dass es Arten in der Natur überhaupt nicht gibt, sondern das das, was wir für Arten halten, nichts weiter als Konzeptbildungen unseres menschlichen Denkens seien, von uns als Instrument unseres Klassifizierungsbedürfnisses gemacht. Das stellt sowohl den Artenschutz (die Roten Listen) als auch die Artbestimmung (was ist das, was in den Bestimmungsbüchern steht?) vor ein nicht unerhebliches Problem. Die meisten Taxonomen sind von diesem Problem nicht berührt und arbeiten weiter. Aber der renommierte amerikanische Bio-Philosoph David Hull (1935 – 2010) hat 1970 vor dieser Haltung gewarnt: „We must resist at all costs the tendency to superimpose a false simplicity on the exterior of science to hide incompletely formulated theoretical foundations.”

Arten wurden von Aristoteles bis Linné für feste Einheiten gehalten, die in der Natur so vorliegen, wie sie erschaffen wurden. Darwin erkannte, dass sich Arten ständig verändern, so dass sie nicht in feste Klassen hineinpassen, weil Klassen nun mal nicht evolvieren können, Arten aber evolvieren. Da der Taxonom jedoch mit festen Klassen arbeiten muss, sind die Einheiten, mit denen der Taxonom arbeitet, nicht voll mit dem zur Deckung zu bringen, was in der Natur vorliegt. Dieses Dilemma nennt man „ das Artproblem“, das bis heute nicht gelöst ist.

Wie man die Organismen praktikabel und gleichzeitig naturnah einteilt, wird zwischen den Taxonomen ausgefochten. Am Anfang war das Einteilungsprinzip (1) die Merkmalsähnlichkeit, in der zweiten Hälfte der vorigen Jahrhunderts war das Einteilungsprinzip (2) die fruchtbare reproduktive Verbindung der Organismen miteinander, und (3) heute dominiert die Auffassung, dass es (3) die Verwandtschaftsnähe sein müsse (das ist die Barcode-Taxonomie).

Allen drei Einteilungsprinzipien liegt eine bestimmte Wirklichkeit zugrunde, nämlich dass die Organismen in der Natur nicht gleichmäßig kontinuierlich verteilt sind, sondern dass es Gruppen gibt. Es gibt also Zusammenhalte, aber diese Zusammenhalte sind von unterschiedlicher Natur, und deswegen kann „Art“ nicht gleich „Art“ sein. Der Begriff „Art“ ist ein homonymes Wort für verschiedene Sachen:

(1) Es gibt in der Natur Gruppen, die durch phylogenetisch bedingte Merkmalsähnlichkeit zusammengehalten werden; „phylogenetisch“ bedeutet, dass die Merkmalsähnlichkeit auf gemeinsame Abstammung zurückgehen muss (z.B. sind Konvergenzen ausgeschlossen). Die Merkmale sind selbstverständlich nicht vom Taxonomen willkürlich ausgewählt. Dieser Typ von Art sollte „Phylo-Spezies“ genannt werden.

(2) Es gibt in der Natur aber auch Gruppen, die durch einen ganz anderen Faktor zusammengehalten werden, nämlich durch die Fähigkeit, sich miteinander erfolgreich fortzupflanzen. Das sind Gruppen nach dem Einteilungsprinzip der Reproduktionsgemeinschaft. Dieser Typ von Art sollte „Repro-Spezies“ genannt werden. Auf diesen Typ von Art hatte sich Ernst Mayr festgelegt. Wichtig ist, dass Phylo- und Repro-Spezies nicht zwei Betrachtungsweisen ein und derselben Einheit sind, sondern dass es sich um zwei ontologisch verschiedene Einheiten handelt, die in der Natur vorkommen und sich nur teilweise überschneiden. Zwei Organismen, die als Phylo-Spezies zwei verschiedenen Arten angehören, können als Repro-Spezies durchaus zur selben Art gehören.

(3) Der dritte bedeutungsvolle Gruppenzusammenhalt ist die Verwandtschaft. Der Stammbaum zeigt, dass bestimmte Organismen nahe miteinander verwandt sind und dadurch eine Gruppe bilden, die sich von anderen weniger mit dieser Gruppe verwandten Gruppen abtrennt. Dieser Typ von Art basiert wiederum auf einer anderen Form des Gruppenzusammenhalts und sollte „Verwandtschafts-Spezies“ genannt werden. Auf diesen Typ von Art hat sich die Barcode-Taxonomie festgelegt.

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Diese drei Gruppen (es gibt auch noch andere) tragen alle den gemeinsamen Namen "Art". Das bringt die theoretischen Grundlagen der Taxonomie (was ist eine Art?) in Konflikt mit der taxonomischen Praxis; denn in der taxonomischen Praxis ist es kaum durchführbar, für die einzelnen Tiergruppen jeweils parallele Bestimmungsbücher vorzulegen, die die Organismen je nach Artdefinition unterschiedlich einteilen. Daher muss man sich in der Praxis für nur einen einzigen Gruppierungstyp entscheiden (also entweder den Mayr'sche Artbegriff oder die Barcode-Art oder einen weiteren Art-Typ), oder man muss die unterschiedlichen Gruppierungen zu einem Kunstprodukt zusammenlegen: das ist die „integrative Art“.

In den drei Arttypen (1) bis (3) wird die Art als eine semi-reale Gruppe betrachtet: Die Faktoren des Gruppenzusammenhalts gibt es in der Natur, aber die Rangstufen (ab wann eine Trennung die Schwelle für die Entstehung einer neuen Art ist) sind menschliche Ermessenssache. Es gibt in der Natur keine beobachtbaren Anhaltspunkte, welches Ausmaß an (1) Merkmalsverschiedenheit oder welches Ausmaß an (3) Verwandtschaftsdifferenz gegeben sein muss, damit die Schwelle für die Entstehung einer neuen Art überschritten ist. Am ehesten ist das bei der Art als (2) Reproduktionsgemeinschaft aus der Natur ablesbar; aber auch hier gibt es unterschiedliche Stufen einer allmählich einsetzenden assortativen Paarung, die eine Repro-Spezies in Untergruppen untergliedert.  

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Naturschutz ist nicht dasselbe wie Artenschutz

Was ist eigentlich Natur?

Naturschutz befürwortet jeder.

Aber welche Natur wollen wir in Mitteleuropa? Die Landschaft ist hier seit Jahrtausenden vom Menschen gestaltet. Wir sind hier nicht in Brasilien. Die Lüneburger Heide und die blühenden Almwiesen sind vom Menschen gemacht. Ohne ständigen Eingriff des Menschen würden diese Habitate von der Natur vernichtet werden. Die meisten unter „Natur“schutz stehenden Teiche sind ehemalige Fischteiche, Kiesgruben oder Torfstiche. Was ist da eigentlich „Natur“schutz? Ist „Natur“schutz der Schutz artenreicher Biotope vor der Natur, damit die Biotope nicht durch Sukzession vernichtet werden?

Lesen Sie dazu folgenden kurzen Beitrag:

Kunz, W. (2020): Der Wert der Natur und der Wert des Menschen. In: Novo Argumente für den Fortschritt 05.08.2020, S. 1–4.

oder hören Sie dazu den Podcast

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Habitatqualität lässt sich nur artspezifisch definieren, und solche Habitate müssen geschaffen werden. Artenschutz ist nicht Schutz der Natur vor menschlichen Eingriffen; oft ist es das Gegenteil.

Mühlenberg, M. 1998. Populationsbiologie und Gefährdung: das Zielartenkonzept. Artenschutzreport 38, 9-14.

Beispiele: Steinschmätzer (z.Zt. in Nordrhein-Westfalen kurz vor dem Aussterben) brauchen als Habitat einen großflächigen Steinhaufen, der von kahlen Böden umgeben ist; mehr nicht.

Bekassinen (z.Zt. in Nordrhein-Westfalen kurz vor dem Aussterben) brauchen als Habitat eine großflächige sehr nasse Binsenwiese; mehr nicht.

Solche Habitate erzielt man nicht, indem man Flächen unter Naturschutz stellt und aus der landwirtschaftlichen oder forstlichen Nutzung herausnimmt.

 

Was sind eigentlich die Gründe, warum Wildnis und Prozessschutz angestrebt werden?

 

Wildnis und Prozessschutz in vielen Habitaten reduzieren dort die Artenvielfalt bei Vögeln und Schmetterlingen

Prozessschutz ist ein Ziel der Nationalen Strategie zur Biologischen Vielfalt (Bundesministerium für Umwelt, Naturschutz und Reaktorsicherheit 2007). Danach soll bis 2020 der Flächenanteil der Wälder mit natürlicher Waldentwicklung 5 % der Waldfläche betragen. In Biosphärenreservaten sollen sich 3 % der Fläche "natürlich" entwickeln. Hinter diesen Zielstellungen steht die (unbewiesene) Erwartung, dass die natürliche Waldentwicklung die Biologischen Vielfalt erhöhen würde.

Diese Erwartung konnte an vielen Beispielen widerlegt werden, z.B.:

Reichhoff, L. 2018. Prozessschutz im Hartholzauenwald - ja aber! Artenschutzreport, 38, 17-22.

Wegener, U. 2018. Die dramatische Entwicklung der autochthonen Fichten im „Brockenurwald" - 30 Jahre Untersuchungen unter Prozessschutzbedingungen. Artenschutzreport, 38, 1-14.

Die in Mitteleuropa über Jahrtausende zurückreichende Förderung der Eiche in Kulturwäldern (zur Schweinemast) hat z.B. in den Hartholzauenwäldern einen Biotop von reicher Biodiversität geschaffen. Diese Artenvielfalt ist nachweislich zurückgegangen, seit der Prozessschutz vorgeschrieben ist. Der Prozessschutz verbietet partiell die forstlichen Eingriffe, was zur Ausdunkelung der Wälder geführt hat, so dass wegen fehlenden Lichtes kaum noch eine natürliche Verjüngung der Stiel-Eiche möglich ist. Aus den Eichen-reichen Hartholzwäldern verschwindet die Eiche.

Der durch den Prozessschutz geförderte dichtere Baumbestand und die Überschirmung der Wälder vor allem im oberen Kronendach hat in den letzten Jahrzehnten zahlreiche Vogelarten zurückgedrängt und hat in weiten Bereichen zum starken Rückgang der Waldschmetterlinge geführt (Ulrich, R. 2002. Vom Naturschutz vergessen: Die Lichtwaldarten. Naturschutz im Saarland, 3, 22-25). Als Beispiele seien nur der Grauspecht und der Braune Eichenzipfelfalter (Satyrium ilicis) genannt. In Deutschland gibt es heute fast gar keine Mittelwälder mehr, was gegenwärtig zum Aussterben des Haselhuhns führt (Herkenrath, P., Bergmann, H.-H., Jöbges, M., Klaus, S. & Weiss, J. 2018. Das Westliche Haselhuhn Tetrastes bonasia rhenana - eine Unterart vor dem Aussterben. 151. Jahresversammlung der DO-G - Tagungsband, 127).

Die Bevölkerung und die Naturschutz-Verbände sind heute in Deutschland tief gespalten, wenn es um die Ziele des Naturschutzes geht: Auf der einen Seite die Naturschützer, die sich eine indigene, ursprüngliche Natur wünschen und damit den Prozessschutz (und damit Wald) befürworten; auf der anderen Seite die Artenschützer, die sich den Artenreichtum wünschen (so wie er hier vor 200 Jahren gewesen ist) und die damit technisch manipulierter Offenland-Habitate befürworten. Dazwischen kursiert die verbreitete (aber falsche) Meinung, dass beides zu vereinbaren sei, dass nämlich Deutschland, würde man die Natur auf ausgewiesenen Flächen langfristig sich selber überlassen, wieder automatisch besonders artenreich würde.  

Warum wird eigentlich nicht die Frage gestellt, aus welchen Gründen wir überhaupt Wildnis und ursprüngliche Natur haben wollen? Dann wird sich herausstellen, dass der Wunsch nach unberührter Natur eher die eigenen Wünsche und Sehnsüchte der Menschen verwirklichen soll und dass eine solche Natur in Mitteleuropa eben nicht auch den Wünschen vieler Arten entspricht. Der Wunsch nach einem „Zurück zur Natur" ist im neunzehnten und frühen zwanzigsten Jahrhundert als Gegengewicht zu einem sich schnell entwickelnden technischen Fortschritt entstanden. In der Wildnis wird die Erhabenheit, die Schönheit und letztlich die „Heiligkeit" der Natur gesehen.

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Artbegriff: Hybrid-Inkompatibilität und Gen-Stammbaum:

Download zur Hybrid-Inkompatibilität (Dobzansky-Modell)

Download: Allel-Stammbaum ist nicht Art-Stammbaum 

 

Was ist eine Art?

Sowohl unter den Biologen als auch unter den Philosophen gibt es Wissenschaftler, die der Überzeugung sind, dass es Arten in der Natur überhaupt nicht gibt, sondern das das, was wir für Arten halten, nichts weiter als Konzeptbildungen unseres menschlichen Denkens seien, von uns als Instrument unseres Klassifizierungsbedürfnisses gemacht. Das stellt sowohl den Artenschutz (die Roten Listen) als auch die Artbestimmung (was ist das, was in den Bestimmungsbüchern steht?) vor ein nicht unerhebliches Problem. Die meisten Taxonomen sind von diesem Problem nicht berührt und arbeiten weiter. Aber der renommierte amerikanische Bio-Philosoph David Hull (1935 – 2010) hat 1970 vor dieser Haltung gewarnt: „We must resist at all costs the tendency to superimpose a false simplicity on the exterior of science to hide incompletely formulated theoretical foundations.”

Arten wurden von Aristoteles bis Linné für feste Einheiten gehalten, die in der Natur so vorliegen, wie sie erschaffen wurden. Darwin erkannte, dass sich Arten ständig verändern, so dass sie nicht in feste Klassen hineinpassen, weil Klassen nun mal nicht evolvieren können, Arten aber evolvieren. Da der Taxonom jedoch mit festen Klassen arbeiten muss, sind die Einheiten, mit denen der Taxonom arbeitet, nicht voll mit dem zur Deckung zu bringen, was in der Natur vorliegt. Dieses Dilemma nennt man „ das Artproblem“, das bis heute nicht gelöst ist.

Wie man die Organismen praktikabel und gleichzeitig naturnah einteilt, wird zwischen den Taxonomen ausgefochten. Am Anfang war das Einteilungsprinzip (1) die Merkmalsähnlichkeit, in der zweiten Hälfte der vorigen Jahrhunderts war das Einteilungsprinzip (2) die fruchtbare reproduktive Verbindung der Organismen miteinander, und (3) heute dominiert die Auffassung, dass es (3) die Verwandtschaftsnähe sein müsse (das ist die Barcode-Taxonomie).

Allen drei Einteilungsprinzipien liegt eine bestimmte Wirklichkeit zugrunde, nämlich dass die Organismen in der Natur nicht gleichmäßig kontinuierlich verteilt sind, sondern dass es Gruppen gibt. Es gibt also Zusammenhalte, aber diese Zusammenhalte sind von unterschiedlicher Natur, und deswegen kann „Art“ nicht gleich „Art“ sein. Der Begriff „Art“ ist ein homonymes Wort für verschiedene Sachen:

(1) Es gibt in der Natur Gruppen, die durch phylogenetisch bedingte Merkmalsähnlichkeit zusammengehalten werden; „phylogenetisch“ bedeutet, dass die Merkmalsähnlichkeit auf gemeinsame Abstammung zurückgehen muss (z.B. sind Konvergenzen ausgeschlossen). Die Merkmale sind selbstverständlich nicht vom Taxonomen willkürlich ausgewählt. Dieser Typ von Art sollte „Phylo-Spezies“ genannt werden.

(2) Es gibt in der Natur aber auch Gruppen, die durch einen ganz anderen Faktor zusammengehalten werden, nämlich durch die Fähigkeit, sich miteinander erfolgreich fortzupflanzen. Das sind Gruppen nach dem Einteilungsprinzip der Reproduktionsgemeinschaft. Dieser Typ von Art sollte „Repro-Spezies“ genannt werden. Auf diesen Typ von Art hatte sich Ernst Mayr festgelegt. Wichtig ist, dass Phylo- und Repro-Spezies nicht zwei Betrachtungsweisen ein und derselben Einheit sind, sondern dass es sich um zwei ontologisch verschiedene Einheiten handelt, die in der Natur vorkommen und sich nur teilweise überschneiden. Zwei Organismen, die als Phylo-Spezies zwei verschiedenen Arten angehören, können als Repro-Spezies durchaus zur selben Art gehören.

(3) Der dritte bedeutungsvolle Gruppenzusammenhalt ist die Verwandtschaft. Der Stammbaum zeigt, dass bestimmte Organismen nahe miteinander verwandt sind und dadurch eine Gruppe bilden, die sich von anderen weniger mit dieser Gruppe verwandten Gruppen abtrennt. Dieser Typ von Art basiert wiederum auf einer anderen Form des Gruppenzusammenhalts und sollte „Verwandtschafts-Spezies“ genannt werden. Auf diesen Typ von Art hat sich die Barcode-Taxonomie festgelegt.

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Diese drei Gruppen (es gibt auch noch andere) tragen alle den gemeinsamen Namen "Art". Das bringt die theoretischen Grundlagen der Taxonomie (was ist eine Art?) in Konflikt mit der taxonomischen Praxis; denn in der taxonomischen Praxis ist es kaum durchführbar, für die einzelnen Tiergruppen jeweils parallele Bestimmungsbücher vorzulegen, die die Organismen je nach Artdefinition unterschiedlich einteilen. Daher muss man sich in der Praxis für nur einen einzigen Gruppierungstyp entscheiden (also entweder den Mayr'sche Artbegriff oder die Barcode-Art oder einen weiteren Art-Typ), oder man muss die unterschiedlichen Gruppierungen zu einem Kunstprodukt zusammenlegen: das ist die „integrative Art“.

In den drei Arttypen (1) bis (3) wird die Art als eine semi-reale Gruppe betrachtet: Die Faktoren des Gruppenzusammenhalts gibt es in der Natur, aber die Rangstufen (ab wann eine Trennung die Schwelle für die Entstehung einer neuen Art ist) sind menschliche Ermessenssache. Es gibt in der Natur keine beobachtbaren Anhaltspunkte, welches Ausmaß an (1) Merkmalsverschiedenheit oder welches Ausmaß an (3) Verwandtschaftsdifferenz gegeben sein muss, damit die Schwelle für die Entstehung einer neuen Art überschritten ist. Am ehesten ist das bei der Art als (2) Reproduktionsgemeinschaft aus der Natur ablesbar; aber auch hier gibt es unterschiedliche Stufen einer allmählich einsetzenden assortativen Paarung, die eine Repro-Spezies in Untergruppen untergliedert.  

 

Wohin steuert die Taxonomie?

Download:

Klarstellung: Barcoding ist ein Diagnose-Verfahren, keine Definition für neue Arten

 

Naturschutz ist nicht dasselbe wie Artenschutz

Was ist eigentlich Natur?

Naturschutz befürwortet jeder.

Aber welche Natur wollen wir in Mitteleuropa? Die Landschaft ist hier seit Jahrtausenden vom Menschen gestaltet. Wir sind hier nicht in Brasilien. Die Lüneburger Heide und die blühenden Almwiesen sind vom Menschen gemacht. Ohne ständigen Eingriff des Menschen würden diese Habitate von der Natur vernichtet werden. Die meisten unter „Natur“schutz stehenden Teiche sind ehemalige Fischteiche, Kiesgruben oder Torfstiche. Was ist da eigentlich „Natur“schutz? Ist „Natur“schutz der Schutz artenreicher Biotope vor der Natur, damit die Biotope nicht durch Sukzession vernichtet werden?

Lesen Sie dazu folgenden kurzen Beitrag:

Kunz, W. (2020): Der Wert der Natur und der Wert des Menschen. In: Novo Argumente für den Fortschritt 05.08.2020, S. 1–4.

oder hören Sie dazu den Podcast

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Habitatqualität lässt sich nur artspezifisch definieren, und solche Habitate müssen geschaffen werden. Artenschutz ist nicht Schutz der Natur vor menschlichen Eingriffen; oft ist es das Gegenteil.

Mühlenberg, M. 1998. Populationsbiologie und Gefährdung: das Zielartenkonzept. Artenschutzreport 38, 9-14.

Beispiele: Steinschmätzer (z.Zt. in Nordrhein-Westfalen kurz vor dem Aussterben) brauchen als Habitat einen großflächigen Steinhaufen, der von kahlen Böden umgeben ist; mehr nicht.

Bekassinen (z.Zt. in Nordrhein-Westfalen kurz vor dem Aussterben) brauchen als Habitat eine großflächige sehr nasse Binsenwiese; mehr nicht.

Solche Habitate erzielt man nicht, indem man Flächen unter Naturschutz stellt und aus der landwirtschaftlichen oder forstlichen Nutzung herausnimmt.

 

Was sind eigentlich die Gründe, warum Wildnis und Prozessschutz angestrebt werden?

 

Wildnis und Prozessschutz in vielen Habitaten reduzieren dort die Artenvielfalt bei Vögeln und Schmetterlingen

Prozessschutz ist ein Ziel der Nationalen Strategie zur Biologischen Vielfalt (Bundesministerium für Umwelt, Naturschutz und Reaktorsicherheit 2007). Danach soll bis 2020 der Flächenanteil der Wälder mit natürlicher Waldentwicklung 5 % der Waldfläche betragen. In Biosphärenreservaten sollen sich 3 % der Fläche "natürlich" entwickeln. Hinter diesen Zielstellungen steht die (unbewiesene) Erwartung, dass die natürliche Waldentwicklung die Biologischen Vielfalt erhöhen würde.

Diese Erwartung konnte an vielen Beispielen widerlegt werden, z.B.:

Reichhoff, L. 2018. Prozessschutz im Hartholzauenwald - ja aber! Artenschutzreport, 38, 17-22.

Wegener, U. 2018. Die dramatische Entwicklung der autochthonen Fichten im „Brockenurwald" - 30 Jahre Untersuchungen unter Prozessschutzbedingungen. Artenschutzreport, 38, 1-14.

Die in Mitteleuropa über Jahrtausende zurückreichende Förderung der Eiche in Kulturwäldern (zur Schweinemast) hat z.B. in den Hartholzauenwäldern einen Biotop von reicher Biodiversität geschaffen. Diese Artenvielfalt ist nachweislich zurückgegangen, seit der Prozessschutz vorgeschrieben ist. Der Prozessschutz verbietet partiell die forstlichen Eingriffe, was zur Ausdunkelung der Wälder geführt hat, so dass wegen fehlenden Lichtes kaum noch eine natürliche Verjüngung der Stiel-Eiche möglich ist. Aus den Eichen-reichen Hartholzwäldern verschwindet die Eiche.

Der durch den Prozessschutz geförderte dichtere Baumbestand und die Überschirmung der Wälder vor allem im oberen Kronendach hat in den letzten Jahrzehnten zahlreiche Vogelarten zurückgedrängt und hat in weiten Bereichen zum starken Rückgang der Waldschmetterlinge geführt (Ulrich, R. 2002. Vom Naturschutz vergessen: Die Lichtwaldarten. Naturschutz im Saarland, 3, 22-25). Als Beispiele seien nur der Grauspecht und der Braune Eichenzipfelfalter (Satyrium ilicis) genannt. In Deutschland gibt es heute fast gar keine Mittelwälder mehr, was gegenwärtig zum Aussterben des Haselhuhns führt (Herkenrath, P., Bergmann, H.-H., Jöbges, M., Klaus, S. & Weiss, J. 2018. Das Westliche Haselhuhn Tetrastes bonasia rhenana - eine Unterart vor dem Aussterben. 151. Jahresversammlung der DO-G - Tagungsband, 127).

Die Bevölkerung und die Naturschutz-Verbände sind heute in Deutschland tief gespalten, wenn es um die Ziele des Naturschutzes geht: Auf der einen Seite die Naturschützer, die sich eine indigene, ursprüngliche Natur wünschen und damit den Prozessschutz (und damit Wald) befürworten; auf der anderen Seite die Artenschützer, die sich den Artenreichtum wünschen (so wie er hier vor 200 Jahren gewesen ist) und die damit technisch manipulierter Offenland-Habitate befürworten. Dazwischen kursiert die verbreitete (aber falsche) Meinung, dass beides zu vereinbaren sei, dass nämlich Deutschland, würde man die Natur auf ausgewiesenen Flächen langfristig sich selber überlassen, wieder automatisch besonders artenreich würde.  

Warum wird eigentlich nicht die Frage gestellt, aus welchen Gründen wir überhaupt Wildnis und ursprüngliche Natur haben wollen? Dann wird sich herausstellen, dass der Wunsch nach unberührter Natur eher die eigenen Wünsche und Sehnsüchte der Menschen verwirklichen soll und dass eine solche Natur in Mitteleuropa eben nicht auch den Wünschen vieler Arten entspricht. Der Wunsch nach einem „Zurück zur Natur" ist im neunzehnten und frühen zwanzigsten Jahrhundert als Gegengewicht zu einem sich schnell entwickelnden technischen Fortschritt entstanden. In der Wildnis wird die Erhabenheit, die Schönheit und letztlich die „Heiligkeit" der Natur gesehen.

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Verantwortlichkeit: