Artenschutz-Manifest:

Was benötigt der Artenschutz in Mitteleuropa?

Dringendes Statement zum Artenschutz (bevor wir noch weitere Arten verlieren):

Es gilt, eine Mauer niederzureißen: die verbreitete Meinung, Umweltschutz, Naturschutz und Artenschutz würden dieselben Ziele verfolgen. Aber das stimmt nicht: Umweltschutz, Naturschutz und Artenschutz verfolgen unterschiedliche (z.T. gegensätzliche) Ziele; sie überschneiden sich nur partiell.

Das gilt für Mitteleuropa, nicht für viele andere Teile der Welt, besonders nicht für die Tropen. Dort verfolgen Umweltschutz, Naturschutz und Artenschutz weitgehend dieselben Ziele, weil Flora und Fauna dort eine andere Vorgeschichte haben. Aber Mitteleuropa ist nicht Brasilien oder Indonesien.

Mitteleuropas Arten sind überwiegend nicht endemisch, sondern postglaziale Einwanderer. Daher sind sie an Habitate angepasst, die ihren Herkunftsländern entsprechen. Und das waren die Eiszeit-Refugien Osteuropas, Westasiens und des Mediterranraums. Diese Refugien bestanden nur zu einem geringen Teil aus dichten Wäldern mit geschlossenem Kronendach. Überwiegend waren die Refugien Steppen und lichte Wälder. Daher sind Mitteleuropas Arten (vor allem viele Insekten) überwiegend Arten der Steppen und lichten Wälder. Mitteleuropas Arten sind größtenteils nicht an die Biotope angepasst, die hier entstehen würden, wenn die Natur sich selbst überlassen würde. Dann würden fast überall dichte Dunkelwälder entstehen, in denen der Großteil von Mitteleuropas Arten nicht leben kann, zumal diese Landschaftsentwicklung gegenwärtig auch noch durch die Eutrophierung (den Stickstoff-Eintrag durch die Luft) beschleunigt und verstärkt würde. Daher sind Naturschutzmaßnahmen wie „Prozessschutz“ oder „Natur Natur sein lassen“ aus Gründen des Schutzes gefährdeter Arten abzulehnen.

Der Artenreichtum Mitteleuropas an vielen Pflanzen und Tieren hatte vor ca. 200 Jahren seinem Höhepunkt erreicht, als Mitteleuropa nur wenig bewaldet war. In früheren Jahrtausenden war der Artenreichtum deutlich geringer als im neunzehnten Jahrhundert, und gegenwärtig erreicht er nicht zuletzt infolge der starken Zunahme dichter Vergrasung, Verbuschung und Verwaldung unserer Landschaft erneut einen Tiefpunkt.

Die einstige Kargheit der mitteleuropäischen Landschaft vor einigen Jahrhunderten kann auch durch eine extensive und biologische Landwirtschaft nicht wieder hergestellt werden. Daher wird vorgeschlagen, dem gegenwärtigen Schwund der Arten dadurch entgegenzuwirken, dass mit technischen Mitteln Sonderflächen künstlich hergestellt werden, die den speziellen Habitat-Bedürfnissen der gefährdeten Art angepasst sind. Zur Anlage solcher Sonderflächen wären Land- und Forstwirte mit ihrem „know-how“ und ihrem Gerät in der Lage. Es müssten dann von den Landwirten neben Kartoffel- und Getreideäckern auch Flächen für z.B. Grauammern geschaffen werden. „Jedem Landwirt sein Biotop“ sollte künftig die Devise lauten, in Erweiterung des Vorschlags von Peter Berthold: „Jeder Gemeinde ihr Biotop“.

Rohstoff-Abbauflächen und Militärgelände haben uns in den letzten Jahrzehnten (obwohl mit völlig anderer Zielsetzung) vorgemacht, wie durch die maschinelle Entfernung dichter Bodenvegetation und die weitgehende Entbuschung der Flächen besonders für gefährdete Arten geeignete Habitate hergestellt werden können. Die Schaffung solcher Habitate wird heutzutage durch dringend gebotenen Artenschutz begründet. Dieses Artenschutz-Gebot läuft einem Umweltschutz-Gebot diametral entgegen, nämlich der Aufforstung mit dem Ziel der Kohlendioxyd-Bindung zur Reduktion der Erderwärmung. Zwischen diesen beiden geegnläufigen Zielen muss eine Kompromisslösung gefunden werden, die beiden Bedürfnissen, dem Artenschutz und dem Umweltschutz anteilmäßig nachkommt. Artenschutz ist nicht Alles, aber Umweltschutz ist auch nicht Alles.      

Es wird empfohlen, dass „Ausgleichsflächen“ nicht nur bei der Errichtung von Industriegebieten und Verkehrsflächen als Ersatz bereitgestellt werden müssen, sondern auch als Ausgleich für die Anlage land- und forstwirtschaftlicher Flächen und dass diese Ausgleichsflächen nicht (aus sog. „ökologischen“ Gründen) bevorzugt aufgeforstet werden, sondern für die jeweiligen spezifischen Bedürfnisse bestimmter Zielarten gestaltet werden.

Beispiele: Steinschmätzer (z.Zt. in Nordrhein-Westfalen kurz vor dem Aussterben) brauchen als Habitat einen großflächigen Steinhaufen, der von kahlen Böden umgeben ist; mehr nicht.

Bekassinen (z.Zt. in Nordrhein-Westfalen kurz vor dem Aussterben) brauchen als Habitat eine großflächige sehr nasse Binsenwiese; mehr nicht.

Solche Habitate erzielt man nicht, indem man Flächen unter Naturschutz stellt.

 

Was sind eigentlich die Gründe, warum Wildnis und Prozessschutz angestrebt werden?

Wildnis und Prozessschutz in vielen Habitaten reduzieren dort die Artenvielfalt bei Vögeln und Schmetterlingen

Prozessschutz ist ein Ziel der Nationalen Strategie zur Biologischen Vielfalt (Bundesministerium für Umwelt, Naturschutz und Reaktorsicherheit 2007). Danach soll bis 2020 der Flächenanteil der Wälder mit natürlicher Waldentwicklung 5 % der Waldfläche betragen. In Biosphärenreservaten sollen sich 3 % der Fläche "natürlich" entwickeln. Hinter diesen Zielstellungen steht die (unbewiesene) Erwartung, dass die natürliche Waldentwicklung die Biologischen Vielfalt erhöhen würde.

Diese Erwartung konnte an vielen Beispielen widerlegt werden, z.B.:

Reichhoff, L. 2018. Prozessschutz im Hartholzauenwald - ja aber! Artenschutzreport, 38, 17-22.

Wegener, U. 2018. Die dramatische Entwicklung der autochthonen Fichten im „Brockenurwald" - 30 Jahre Untersuchungen unter Prozessschutzbedingungen. Artenschutzreport, 38, 1-14.

Die in Mitteleuropa über Jahrtausende zurückreichende Förderung der Eiche in Kulturwäldern (zur Schweinemast) hat z.B. in den Hartholzauenwäldern einen Biotop von reicher Biodiversität geschaffen. Diese Artenvielfalt ist nachweislich zurückgegangen, seit der Prozessschutz vorgeschrieben ist. Der Prozessschutz verbietet partiell die forstlichen Eingriffe, was zur Ausdunkelung der Wälder geführt hat, so dass wegen fehlenden Lichtes kaum noch eine natürliche Verjüngung der Stiel-Eiche möglich ist. Aus den Eichen-reichen Hartholzwäldern verschwindet die Eiche.

Der durch den Prozessschutz geförderte dichtere Baumbestand und die Überschirmung der Wälder vor allem im oberen Kronendach hat in den letzten Jahrzehnten zahlreiche Vogelarten zurückgedrängt und hat in weiten Bereichen zum starken Rückgang der Waldschmetterlinge geführt (Ulrich, R. 2002. Vom Naturschutz vergessen: Die Lichtwaldarten. Naturschutz im Saarland, 3, 22-25). Als Beispiele seien nur der Grauspecht und der Braune Eichenzipfelfalter (Satyrium ilicis) genannt. In Deutschland gibt es heute fast gar keine Mittelwälder mehr, was gegenwärtig zum Aussterben des Haselhuhns führt (Herkenrath, P., Bergmann, H.-H., Jöbges, M., Klaus, S. & Weiss, J. 2018. Das Westliche Haselhuhn Tetrastes bonasia rhenana - eine Unterart vor dem Aussterben. 151. Jahresversammlung der DO-G - Tagungsband, 127).

Die Bevölkerung und die Naturschutz-Verbände sind heute in Deutschland tief gespalten, wenn es um die Ziele des Naturschutzes geht: Auf der einen Seite die Naturschützer, die sich eine indigene, ursprüngliche Natur wünschen und damit den Prozessschutz (und damit Wald) befürworten; auf der anderen Seite die Artenschützer, die sich den Artenreichtum wünschen (so wie er hier vor 200 Jahren gewesen ist) und die damit technisch manipulierter Offenland-Habitate befürworten. Dazwischen kursiert die verbreitete (aber falsche) Meinung, dass beides zu vereinbaren sei, dass nämlich Deutschland, würde man die Natur auf ausgewiesenen Flächen langfristig sich selber überlassen, wieder automatisch besonders artenreich würde.  

Warum wird eigentlich nicht die Frage gestellt, aus welchen Gründen wir überhaupt Wildnis und ursprüngliche Natur haben wollen? Dann wird sich herausstellen, dass der Wunsch nach unberührter Natur eher die eigenen Wünsche und Sehnsüchte der Menschen verwirklichen soll und dass eine solche Natur in Mitteleuropa eben nicht auch den Wünschen vieler Arten entspricht. Der Wunsch nach einem „Zurück zur Natur" ist im neunzehnten und frühen zwanzigsten Jahrhundert als Gegengewicht zu einem sich schnell entwickelnden technischen Fortschritt entstanden. In der Wildnis wird die Erhabenheit, die Schönheit und letztlich die „Heiligkeit" der Natur gesehen.

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Responsible for the content: E-MailProf. Dr. Werner Kunz