Thema 1: Theoretische Grundlagen des Natur- und Artenschutzes in Mitteleuropa - die Bedeutung des Offenlands:

In Mitteleuropa ist die Artenvielfalt auf den Feldern, Wiesen und Weiden nach Jahrhunderte langer Blüte heute verschwunden; sie wird nicht mehr wieder in der einstigen Fülle zurückkommen. Da hilft keine biologische Landwirtschaft. Hauptgrund für den Artenschwund sind die Überdüngung des Bodens und die Nutzung der Agrarflächen bis auf den letzten Quadratmeter. Fast alle Arten der Agrarlandschaft sind zu bedrohten Rote-Liste-Arten geworden. Ungedüngte Flächen mit geringem Baum- und Buschbestand und mit kargem, lückigem Bodenbewuchs findet man heute fast nur noch auf Militärgeländen, in großen Kiesabbaugebieten, auf den Tagebau-Abgrabungen und auf Flughäfen; in kleinerem Maßstab auch an Autobahnböschungen und auf stillgelegten Gleisanlagen. Daher sind diese Flächen das Rückzugsgebiet für viele Rote-Liste-Arten geworden. Die Feldbiologen wissen das längst und besuchen überwiegend diese Gebiete (und oft eben nicht bevorzugt die Naturschutzgebiete), wenn sie selten gewordene Vogelarten und Insekten sehen wollen.

Die offiziellen Verbände setzen sich für die künstliche Schaffung von Offenlandbiotopen mit technischen Mitteln zu wenig ein. Stattdessen steht die Forderung nach einer ursprünglichen, möglichst unberührten Natur zu sehr im Vordergrund. Ein Grund dafür ist die in den achtziger Jahren des vorigen Jahrhunderts vollzogene Eingliederung des Artenschutzes in den Umweltschutz. Aber die großen Erfolge im Umweltschutz der letzten Jahrzehnte haben nur wenige der bedrohten Rote-Liste-Arten gerettet. In Deutschland wird von der Politik und den Verbänden unter Naturschutz in erster Linie der technische Umweltschutz verstanden; der Artenschutz fällt dabei oft unter den Tisch. Aber die Bio-Tomate bringt uns nicht die Grauammer zurück, und der werbewirksame Streuobstwiesen-Apfelsaft bringt uns nicht den Wendehals zurück.

Pflück-, Sammel- und Betretverbote lassen sich von der Politik als angebliche Erfolge im Naturschutz gut verkaufen. Diese Verbote sind jedoch der Kampf an der falschen Front; denn währenddessen läuft der Artenschwund fast ungehindert weiter. Mitteleuropa ist nicht Indonesien oder Brasilien, wo der Artenschutz von der Erhaltung annähernd primärer Biotope abhängt. Eine ursprüngliche Natur gibt es in Mitteleuropa schon seit Jahrtausenden nicht mehr, und es ist daher höchst fraglich, ob sie hier wieder angestrebt werden sollte. Will man in Mitteleuropa dem weiter andauernden Rückgang der Artenvielfalt Einhalt gebieten, so muss der Kampf gegen die Aufforstung aufgenommen werden, und es muss in der Bevölkerung eine positive Grundstimmung für die Manipulation der Artenschutz-Habitate mit technischem Gerät erzeugt werden.

 

Thema 2: Theoretische Grundlagen des Artbegriffs:

Ein fester Artbegriff ist in der biologischen Wissenschaft und im Natur- und Artenschutz unverzichtbar, um sich international verständigen zu können. Noch heute gibt es keinen allgemein anerkannten Artbegriff. Daher sind Widersprüche und Streit vorprogrammiert. Ein Hauptgrund für diese Uneinmütigkeit besteht darin, dass jeder Versuch, die Art theoretisch konsequent und widerspruchsfrei zu definieren, unvereinbar ist mit der Notwendigkeit der praktischen Anwendung im Alltagsgeschäft der Taxonomie. Daher führt kein Weg daran vorbei, den in der Praxis verwendeten Artbegriff als ein artifizielles Kunstprodukt zu begreifen, das zwar vielen natürlichen Gemeinsamkeiten und Unterschieden zwischen den Organismen gerecht wird, aber dennoch eine Gruppenbildung ist, die es als Gruppe in der Natur nicht gibt. Diese Schlussfolgerung wird von vielen Taxonomen nicht gern anerkannt.

Im ganz allgemeinen Sinne ist eine Art eine Gruppe von Organismen, die durch irgendwelche Kriterien zusammengehalten werden. Und da solche Zusammenhalte in der Natur objektiv existieren, gibt es in der Natur Arten. Arten sind also nicht nur Klassifikationsprinzipien des menschlichen Geistes. Das Problem aber ist, dass die Mechanismen, mit denen Organismen zusammengehalten werden, verschiedene sind. Organismen können reproduktiv durch Genaustausch und Rekombination der Genome zusammengehalten werden, sie können aber auch durch gemeinsame Abstammung eine Einheit bilden. In der Natur gibt es also verschiedene Zusammenhalte, die jedoch alle mit dem gemeinsamen Wort „Art“ bezeichnet werden. Abstammungsgemeinschaften und Reproduktionsgemeinschaften sind aber ontologisch zwei verschiedene Dinge; sie erfüllen nicht das Kriterium der Gleichheit. Es gibt Organismen, die nahe miteinander verwandt sind, die aber trotzdem reproduktiv getrennt sind, und es gibt starke genetische Unterschiede zwischen Populationen, die aber alle reproduktiv miteinander verbunden sind. In der Natur gibt es also nicht DIE Art. Die Verwirrung ist dadurch entstanden, dass das Wort "Art" als homonymer Begriff verschiedenen in der Natur existierenden Einheiten gleichzeitig übergestülpt wurde. Der grundsätzliche Denkfehler von Ernst Mayr bestand darin, dass er aus den verschiedenen Einheiten, die es in der Natur gibt, eine einzige ausgewählt hat (die Reproduktionsgemeinschaft) und diese zum allgemein gültigen Artbegriff erklärt hat.

Die Taxonomie ist eine an der Praxis orientierte Wissenschaft. Sie muss einen Weg finden, die verschiedenen in der Natur existierenden Einheiten "schlecht und recht" zur Deckung zu bringen. Das gelingt nicht widerspruchsfrei. Die moderne "integrative Taxonomie" ist da auf einem erfolgversprechenden Weg. Sie kommt der Vielfalt der unterschiedlichen Beziehungen, mit denen die Organismen zueinander und zu ihrer Umwelt in Verbindung stehen, unter allen bisher verwendeten Artbegriffen am nächsten. Die integrative Taxonomie wird die Hochkonjunktur der "Barcode-Taxonomie" nicht verdrängen, aber sie wird sich als zweite Taxonomie neben der Barcode-Taxonomie durchsetzen.


Verantwortlich für den Inhalt: E-Mail sendenProf. Dr. Werner Kunz